Die Schülerinnen und Schüler spielen mit Tier-Fingerpuppen kurze, mehrsprachige Dialoge. Sie stellen sich anhand wichtiger Merkmale gegenseitig vor. Dadurch erweitern sie ihre bildungssprachlichen Kompetenzen. Wir beschreiben die Umsetzung im HSK-Unterricht Portugiesisch.
Mitarbeit Entwicklung: Helena Silva Novais
Text: Dominique Braun
Die Entwicklung dieser Umsetzung wurde vom Bundesamt für Kultur (EDI) unterstützt:


Diese Umsetzung wurde im HSK-Unterricht entwickelt. Deshalb beziehen sich die angegebenen Kompetenzen auf den Rahmenlehrplan für Heimatliche Sprache und Kultur (HSK).(1)
Fachliche Kompetenzen
Die Umsetzung bewegt sich in den Kompetenzbereichen «Dialogisches Sprechen», «Monologisches Sprechen» und «Natur, Mensch, Gesellschaft – Natur und Technik». An folgenden Kompetenzen kann eine Lehrperson im HSK-Unterricht mit ihrer Klasse arbeiten:
Die Schülerinnen und Schüler können ihre Sprechmotorik, Artikulation und Stimmführung angemessen nutzen. Sie können ihren produktiven Wortschatz und ihre Satzmuster aktivieren, um angemessen flüssig zu sprechen; zunehmend auch in der Standardvariante ihrer Herkunftssprache.
Die Schülerinnen und Schüler können sich aktiv an einem Dialog beteiligen und einen Dialog initiieren.
Die Schülerinnen und Schüler befassen sich exemplarisch mit Themen zu Natur und Technik und erweitern den betreffenden Wortschatz in ihrer Herkunftssprache.
Die Schülerinnen und Schüler machen sich anhand geeigneter Frage- und Aufgabestellungen Gedanken zu ihrer Herkunftssprache (z. B. grammatische Geschlechter, Bildung der Plural- und Zeitformen, Dialekte, Geschichte etc.). Dabei helfen Vergleiche mit dem Deutschen und evtl. anderen in der Schule vermittelten oder gesprochenen Sprachen, um Eigenheiten der Herkunftssprache herauszuarbeiten und zu erkennen (Sprachbewusstheit/language awareness).(2)
Verbindung zum Lehrplan 21: NMG.2: «Tiere, Pflanzen und Lebensräume erkunden und erhalten».
Die Klasse befasst sich während längerer Zeit mit verschiedenen Tieren. Sie bespricht deren Nahrung, Lebensräume, Feinde etc. Dadurch erweitern die Schülerinnen und Schüler auch ihre fachsprachlichen Kompetenzen in der Erstsprache, ein wichtiges Element des HSK-Unterrichts.(3)
Als Einstieg in diesen Sprechanlass stellt die Lehrperson den Kindern viele verschiedene Tiere als Fingerpuppen zur Verfügung. Anhand ihrer eigenen Fingerpuppe stellt sie sich in der jeweiligen Sprache des HSK-Unterrichts vor: «Olá, eu sou uma lebre.» («Guten Tag, ich bin ein Hase.») Sie geht zu einem Kind und fragt: «Boa tarde, quem és tu?» («Guten Tag, wer bist du?») Das Kind antwortet mit seiner gewählten Fingerpuppe. Danach gehen sie je zu einem nächsten Kind. Nach dem Schneeballprinzip führt die Klasse die Dialoge fort.

Im zweiten Schritt führen die Kinder einen Dialog zu verschiedenen Merkmalen der Tiere (Nahrung, Lebensräume, Feinde etc.), z.B.:

Als Unterstützung stellt die Lehrperson Scaffolds bereit. Sie ermuntert die Schülerinnen und Schüler, mit den Sprachen zu «spielen», indem sie einzelne Begriffe oder Sätze auch in Deutsch oder in weiteren Sprachen formulieren.

Die entstandenen Sätze in verschiedenen Sprachen nutzt die Lehrperson für einen Sprachvergleich. Dazu hält sie die Sätze schriftlich fest und achtet darauf, dass es sich um die exakt gleichen Sätze handelt. Anhand verschiedener Fragen vergleicht die Klasse die Sprachen:
Welche Fachbegriffe klingen in verschiedenen Sprachen ähnlich? Wo gibt es Unterschiede?
Welche Fachbegriffe haben in verschiedenen Sprachen ein ähnliches Schriftbild? Wo gibt es Unterschiede?
Welche grammatikalischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede, z.B. Präpositionen, Artikel bestehen? (bei älteren Schülerinnen und Schülern)
Etc.
Im Begrüssungsdialog können die Begrüssung oder die Tiernamen mehrsprachig sein. Damit dies gelingt, sammelt die Klasse gemeinsam Begrüssungen und Tiernamen in vielen verschiedenen Sprachen.
Den Dialog zu verschiedenen Eigenschaften der Tiere führen Lehrpersonen im Fachbereich NMG in Deutsch durch. Damit mehrsprachige Schülerinnen und Schüler die Fach- und Bildungssprache auch in ihrer Erstsprache üben bzw. entwickeln können, verweisen Lehrpersonen explizit auf diese Möglichkeit. Sie überlassen die Entscheidung, inwieweit sich Lernende mehrsprachig einbringen wollen aber diesen (vgl. «Othering» bei methodisch-didaktischen Überlegungen).
Mehrsprachige Schülerinnen und Schüler sind in diesem Fall z.T. auf sprachliche Unterstützung angewiesen:
in Form von Wortlisten der Fachbegriffe in verschiedenen Erstsprachen
in Form von Formulierungen (Satzanfänge) in verschiedenen Erstsprachen (siehe «Scaffolds bereitstellen» bei methodisch-didaktischen Überlegungen).
Anstatt als Dialog können sich die Kinder mit einem Rätsel vorstellen. Sie nennen und zeigen das Tier nicht (Fingerpuppe hinter dem Rücken), sondern nur die Farben bzw. die Eigenschaften der Tiere (Nahrung etc.). Die anderen Kinder müssen das Tier erraten.
Regelklasse – Freier Dialog: Um die Dialoge freier und improvisierter zu gestalten, erteilt die Lehrperson einen offeneren Auftrag. Die Kinder müssen ihr Tier vorstellen und dabei möglichst einen Begriff in einer anderen Sprache als Deutsch verwenden. Kinder, die möchten, können ihr Tier auch vollständig in einer anderen Sprache als Deutsch vorstellen.
Finger- oder Handpuppen können auch zu anderen Themen Dialoge führen, z.B. zu Gefühlen oder zu einem Erlebnis. Sie können üben, einen Konflikt zu lösen oder ein Streitgespräch zu führen. Über die Puppen schlüpfen die Schülerinnen und Schüler in eine andere Rolle, in der sie auch andere Standpunkte als den eigenen einnehmen können.
Für den Dialog zu den Eigenschaften der Tiere im HSK-Unterricht stellt die Lehrperson Scaffolds in Form von Formulierungen und anhand konkreter Materialien oder Bilder (Nahrung, Lebensräume, Feinde etc.) bereit. Liegen die Bilder und Begriffe auf dem Boden, z.B. in Reifen, können die Kinder beim Sprechen von Reif zu Reif gehen.
Für einen mehrsprachigen Begrüssungsdialog in der Regelklasse sind Begrüssungen und Tiernamen in allen Sprachen der Klasse und evtl. weiteren Sprachen vorhanden. Das heisst, die Klasse hat sich vorgängig mit Tiernamen in verschiedenen Sprachen auseinandergesetzt (vgl. dazu Ratespiel in verschiedenen Sprachen). Zur Unterstützung sind im Klassenzimmer z.B. Tierbilder vorhanden, auf denen die Schülerinnen und Schüler die Begriffe in verschiedenen Sprachen ablesen können. Für den mündlichen Dialog braucht es dafür neben dem tatsächlichen Schriftbild eine lautgetreue Schreibweise. Möglich ist auch mit Anybook-Stiften zu arbeiten, damit die Kinder die Begriffe hören können. Oder die Kinder verwenden diejenige(n) Sprache(n), die ihnen geläufig sind. Dabei gilt es, als Lehrperson bewusst und sorgfältig mit den jeweiligen Sprachkenntnissen umzugehen, damit kein «Othering» entsteht (vgl. nächster Punkt).
Wollen Lehrpersonen ihren Schülerinnen und Schüler auch in der Regelklasse ein Fachgespräch in der Erstsprache ermöglichen, stellen sie ebenfalls ein Scaffold mit Formulierungen und Begriffen kombiniert mit Bildern in diesen Sprachen zur Verfügung. Das ist sehr aufwändig. Unterstützen können mehrsprachige Kolleginnen und Kollegen im Team, Eltern, HSK-Lehrpersonen oder Übersetzungstools. Letztere können zwar fehlerhafte Outputs generieren, sind aber trotzdem eine pragmatische und hilfreiche Unterstützung. Möglich ist auch, dass ein Stufenteam ein besonders wichtiges Thema wählt und die notwendigen Formulierungen gemeinsam erarbeitet.
Damit sich in mehrsprachigen Unterrichtssequenzen insbesondere im Regelklassenunterricht alle Kinder zugehörig fühlen und mehrsprachige Kinder nicht exponiert werden, stellen Lehrpersonen offene Fragen, z.B.:
Wie könnte man in anderen Sprachen als Deutsch «Guten Tag» sagen?
Wie heisst der Hase in anderen Sprachen als Deutsch?
Fragen, wie «Wie heisst das in deiner Sprache» sind unbedingt zu vermeiden.
Durch die offenen Fragen lassen Lehrpersonen die Kinder entscheiden, mit welchen Sprachen sie sich einbringen möchten. In Bezug auf die Förderung der bildungssprachlichen Kompetenzen in den Erstsprachen fördern können sie z.B. sagen: «Einige von euch sprechen noch eine andere Sprache als Deutsch. Wer möchte, kann sein Tier gerne auch in dieser Sprache präsentieren. Ich habe dafür Wortlisten und Satzanfänge in verschiedenen Sprachen vorbereitet.» (vgl. dazu Hintergrundinformationen – Was kann ich besonders beachten?).
Scaffolds in Form von Wortlisten oder Satzanfängen sind wichtig, weil nicht alle mehrsprachigen Kinder in der Schule spontan von einer Sprache in die andere übersetzen können, auch wenn sie eine Erstsprache gut beherrschen (vgl. dazu Hintergrundinformationen – Was kann ich besonders beachten?).
(1) vgl. Bildungsdirektion Kanton Zürich, 2023.
(2) ebd., S. 23f.
(3) vgl. ebd., S. 12.
Bildungsdirektion des Kantons Zürich, Volksschulamt. (2023). Rahmenlehrplan für Heimatliche Sprache und Kultur (HSK). Mit Erläuterungen zu den Rahmenbedingungen des Unterrichts. Verfügbar unter: https://hsk-info.ch/images/Dokumente%20zum%20Download/rahmenlehrplan_hsk_de_neu11.pdf Zugriff am 07. Juli 2025.
Dominique Braun
Dozentin, PH Zug
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