Ein Ostinato ist ein rhythmischer Sprechgesang, bei dem mehrere Rhythmen parallel gesprochen werden. Im vorliegenden Beispiel gestaltet eine Lehrperson ein mehrsprachiges Ostinato zum Thema Wasser. Dadurch ermöglicht sie den Schülerinnen und Schülern, mit den Sprachen zu experimentieren. Mehrsprachigen Schülerinnen und Schüler befähigt sie zusätzlich, Fachbegriffe und Merksätze in der Erstsprache zu lernen und zu festigen.

Mitarbeit Entwicklung: Sarah Thalmann
Text:
Dominique Braun und Sarah Thalmann
 

Die Entwicklung dieser Umsetzung wurde vom Bundesamt für Kultur (EDI) unterstützt:

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Lehrplanbereich

Diese Umsetzung wurde im Regelklassenunterricht entwickelt. Deshalb beziehen sich die angegebenen Kompetenzen auf den Lehrplan 21. (1)

Fachliche Kompetenzen

Die Umsetzung bewegt sich in den Kompetenzbereichen «Stoffe, Energie und Bewegungen beschreiben, untersuchen und nutzen», «Singen und Sprechen» und «Musizieren». An folgenden Kompetenzen kann eine Lehrperson mit ihrer Klasse arbeiten:
 

NMG.3.3.e: Die Schülerinnen und Schüler können Informationen zu Stoffen erschliessen (z.B. durch eigene Untersuchungen, mithilfe von Medien) und können die Ergebnisse dokumentieren (z.B. Steckbriefe zu Stoffen: Farbe, Glanz, Härte, Verformungen, Grösse, Leitfähigkeit, Temperatur, Aggregatzustand). 
 

MU.1.A.1.f: Die Die Schülerinnen und Schüler können ihre Stimme im chorischen Singen integrieren und sich für das gemeinsame Musizieren engagieren.
 

MU.4.A.1.d: Die Schülerinnen und Schüler können eine Melodie- oder Rhythmusstimme in der Gruppe spielen (z.B. Ostinato).

Überfachliche Kompetenzen

In Bezug auf die überfachlichen Kompetenzen können Lehrpersonen zu den sozialen Kompetenzen im Bereich «Dialog- und Kooperationsfähigkeit: Sich mit Menschen austauschen, zusammenarbeiten» und zu den methodischen Kompetenzen im Bereich «Sprachfähigkeit: Ein breites Repertoire sprachlicher Ausdrucksformen entwickeln» arbeiten.

Umsetzung

Vorbereitende Aktivitäten:

Anhand eines Ostinatos verbindet die Lehrperson Rhythmik mit (mehrsprachigen) Fachbegriffen aus dem Fachbereich NMG. Dadurch will sie die Begriffe stärker festigen. Damit die Verbindung gelingt, repetiert sie mit den Schülerinnen und Schülern zuerst die Notenwerte. Sie beginnt mit einem einfachen 4/4-Takt, den alle mitklatschen. Danach wiederholt die Klasse die Fachbegriffe zu den Aggregatzuständen von Wasser. Gemeinsam besprechen sie die Übergänge und dazugehörigen Begriffe wie schmelzen, verdampfen und gefrieren.

 

Damit die Schülerinnen und Schüler mit dem Ostinato vertraut werden, üben sie es zuerst in Deutsch. Verschiedene Begriff oder Sätze werden mit unterschiedlichen Rhythmen gesprochen:

-          Wasser, Tropf, Tropf, Tropf

-          Wasser ist flüssig.

-          Wasser ist fest.

-          Waser ist gasförmig.

-          Die drei Aggregatzustände.

Als erstes sprechen sie jede Zeile einzeln bis der Rhythmus sitzt. Danach erweitern sie es schrittweise, erst zwei, dann drei, dann vier und schliesslich alle fünf Rhythmen gleichzeitig.

Hauptteil – Sprachvergleich:

In einer nächsten Sequenz lernen die Schülerinnen und Schüler die Begriffe Wasser, Aggregatzustand, fest, flüssig und gasförmig in verschiedenen Sprachen kennen und vergleichen sie miteinander.
 

Dazu sammeln sie zunächst die entsprechenden Begriffe in verschiedenen Sprachen. Sie notieren die Begriffe auf Kärtchen und legen sie in den Kreis. Die Lehrperson ergänzt mit vorbereiteten Begriffen in den Klassensprachen, denn nicht alle Schülerinnen und Schüler können ihre erstsprachlichen Kompetenzen ad-hoc einbringen (vgl. methodisch-didaktische Überlegungen weiter unten). Dann bespricht die Klasse Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Bezug auf Klang – beispielsweise, dass flüssig in Italienisch (liquido) und Englisch (liquid) sehr ähnlich klingen, während Wasser in Englisch (water) ähnlich wie im Deutschen ist. In anderen Sprachen hingegen, wie Türkisch (su) oder Slowakisch (voda), klingt es ganz anders.
 

Zusätzlich legt die Lehrperson den Fokus auf die Länge und Anzahl Silben der Begriffe (z. B. „einsilbig wie su“ oder „mehrsilbig wie Wasser“). Gemeinsam sprechen alle die Wörter rhythmisch und klatschen dazu. Der Sprachvergleich fördert dadurch nicht nur die Sprachbewusstheit der Schülerinnen und Schüler, sondern vereinfacht die Entwicklung eines mehrsprachigen Ostinatos.

Hauptteil – Ostinato:

Die Kinder verändern das deutschsprachige Ostinato. Es ist ihnen überlassen, ob sie sich auf eine einzige andere Sprache als Deutsch einigen oder ob sie mehrere Sprachen integrieren. Wählen Kinder die eigene Erstsprache, festigen sie Fachbegriffe und dadurch bildungssprachliche Kompetenzen auch in dieser Sprache.

«Die Gruppen durften unterschiedliche Strategien anwenden: Eine Sprache für das ganze Ostinato oder jeden Rhythmus in einer anderen Sprache. Dabei war für alle Gruppen sofort klar, dass sie es in verschiedenen Sprachen versuchen wollen.» (Zitat Sarah Thalmann)

Deutschsprachige Kinder wählen v.a. Englisch oder Deutsch. Ein Kind versucht sich in Türkisch, weil es eine ihm unbekannte Sprache ausprobieren möchte.
 

Manchmal passen die neuen Begriffe rhythmisch nicht. Dann kürzen oder dehnen die Schülerinnen und Schüler einzelne Begriffe, wiederholen sie oder verändern den Text bzw. den Rhythmus. Die Lehrperson unterstützt sowohl sprachlich (z.B. Aussprache) als auch rhythmisch. Kennen die Schülerinnen und Schüler einen Begriff in der gewünschten Sprache nicht, helfen die vorhandenen Übersetzungen (siehe oben). 
 

Danach wird geübt. Mit Bodypercussion wie schnipsen, klatschen und stampfen können die Schülerinnen und Schüler das Ostinato untermalen. Die Erfahrung zeigt, dass diese Elemente noch etwas mehr Übungszeit brauchen.

Schülerinnen und Schüler üben das Ostinato. Aufnahme Sarah Thalmann
Schülerinnen und Schüler üben das Ostinato. Aufnahme Sarah Thalmann

«Die Kinder hätten noch viel länger am Ostinato bleiben können. Einige wollten gleich noch eines schreiben.» (Zitat Sarah Thalmann)

Schliesslich folgt die Präsentation vor der Klasse.

Für HSK-Unterricht

Im HSK-Unterricht festigen Lehrpersonen Wortschatz und Redemittel in der Erstsprache, z.B. im Kompetenzbereich «Natur, Mensch, Gesellschaft – Natur und Technik». (2) Auch sie können dabei auf ein Ostinato zurückgreifen. Ein mehrsprachiges Ostinato können sie zudem, wie oben beschrieben, für einen Sprachvergleich – insbesondere zwischen der jeweiligen Unterrichtssprache und Deutsch – nutzen.

Für weitere Themen

Lehrpersonen können ein Ostinato grundsätzlich zu jedem Thema entwickeln. Besonders eignet es sich, wenn sich die Schülerinnen und Schüler bestimmte Fachbegriffe oder Merksätze einprägen sollen, z.B. zu NMG-Themen oder Fachbegriffe in Mathematik. Ein mehrsprachiges Ostinato eignet sich, um verschiedene Sprachen zu entdecken und mit ihnen zu experimentieren, insbesondere bzgl. unterschiedlicher Silben. Zudem ermöglicht es mehrsprachigen Lernenden, sich Fachbegriffe oder Merksätze auch in den jeweiligen Erstsprachen anzueignen oder zu festigen.

Methodisch-didaktische Überlegungen


Übersetzungen und Sprachwechsel

Auch wenn Kinder eine Erstsprache gut beherrschen, fällt es ihnen im Schulkontext manchmal schwer, diese abzurufen. Dies hat damit zu tun, dass im deutschsprachigen Kontext die deutsche Sprache stärker aktiviert ist als weitere Sprachen (vgl. dazu Hintergrundinformationen – Was kann ich besonders beachten?).
 

In Regelklassen ist es für einsprachige Kinder möglicherweise schwierig nachvollziehbar, dass Sprachwechsel nicht immer gelingen, auch wenn jemand eine Sprache gut beherrscht. In diesem Fall sind die Lehrpersonen gefragt, um darauf zu achten, dass mehrsprachige Kinder nicht negativ exponiert werden, wenn das Hin- und Herswitchen zwischen den Sprachen nicht immer gelingt (vgl. nächster Punkt).

Sprachexpertinnen und -experten

Bei einem Ostinato ist die korrekte Aussprache wichtig, damit Sprache und Rhythmus passen. Es ist naheliegend, dass Lehrpersonen und Schülerinnen & Schüler bei den Sprecherinnen und Sprechern einer jeweiligen Sprache nachfragen. Einige Kinder erleben dies als Anerkennung ihrer erstsprachlichen Ressourcen. Andere Kinder fühlen sich durch das Nachfragen negativ exponiert (vgl. dazu Hintergrundinformationen – Was kann ich besonders beachten?). Deshalb gilt es folgendes zu beachten:

  • Die mehrsprachigen Schülerinnen und Schüler entscheiden selbst, ob sie als Expertinnen und Experten agieren möchten. Die Lehrperson kann z.B. eine Liste aufhängen, in die sich alle, die möchten, eintragen können.

  • Möglicherweise können mehrsprachige Schülerinnen und Schüler nicht bei jedem Begriff weiterhelfen (siehe oben «Übersetzungen und Sprachwechsel»). Gerade Fachbegriffe gehören häufig nicht zur Alltagssprache von Familien. Das gilt für ein- und mehrsprachige Familien. Dies mit der Klasse im Voraus zu thematisieren, unterstützt das gegenseitige Verständnis. Anhand technischer Hilfsmittel können die Schülerinnen und Schüler in diesen Fällen gemeinsam nach korrekter Aussprache forschen.

  1. (1) vgl. D-EDK, 2016.
    (2) vgl. Bildungsdirektion Kanton Zürich, 2023, S. 19.

Verwendete Literatur

Bildungsdirektion des Kantons Zürich, Volksschulamt. (2023). Rahmenlehrplan für Heimatliche Sprache und Kultur (HSK). Mit Erläuterungen zu den Rahmenbedingungen des Unterrichts. 4. Aufl. Verfügbar unter: https://hsk-info.ch/images/Dokumente%20zum%20Download/rahmenlehrplan_hsk_de_neu11.pdf  Zugriff am 07. Juli 2025.

D-EDK (Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz). (2016).
Lehrplan 21. Verfügbar unter https://www.lehrplan21.ch/ Zugriff am 7. Juli 2025.

Kontakt

Dominique Braun
Dozentin, PH Zug
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