In dieser Unterrichtseinheit betrachten Lehrpersonen mit ihrer Klasse zeitgenössisch bildende Kunst aus verschiedenen Perspektiven. Kunstschaffende sehen verschieden aus, haben Unterschiedliches erlebt, haben unterschiedliche Zugehörigkeiten und bilden die Welt deshalb auch unterschiedlich ab. Im Bildnerischen Gestalten wählen die Kinder aus einer breiten Palette eine/einen Kunstschaffenden aus. Nach einer Bildbetrachtung gestalten sie ein durch die Kunstschaffenden inspiriertes Kunstwerk. Schliesslich laden sie die Eltern an eine festliche Vernissage ein und präsentieren ihre eigenen Werke.

Text: Tamina Kappeler und Dominique Braun
Empfohlen für Zyklus 2

Beschreibung der Idee

«Das sieht aus wie ein Legodörfli», meint ein Sechstklässler bei der Bildbetrachtung eines Werks des Künstlers Federico Herrero. Bei einem Werk des Künstlers Ameh Egwuh sind sich alle einig, dass die Person auf dem Bild einem Klassenkameraden gleicht und deshalb eigentlich nach ihm benannt werden müsste. Die Kinder konzentrieren sich v.a. auf die Bedeutung der Bilder. An Techniken oder Materialien sind sie im ersten Moment weniger interessiert. Zwei Lehrerinnen haben die Idee «Vernissage» mit ihrer jeweiligen Mittelstufenklasse durchgeführt. Sie erinnern sich gerne daran zurück, weil die Kinder mit grossem Eifer dabei waren.
 

Im Bildnerischen Gestalten ist ein Lernziel gemäss Lehrplan 21, Kunstwerke aus verschiedenen Kulturen und Zeiten zu vergleichen (vgl. Lehrplan 21 BG.3.A.). Zudem ist das Fach auch ein Ort für die Reflexion und Weiterentwicklung der eigenen Identität (vgl. Lehrplan 21, Grundlagen). Da immer mehr Schülerinnen und Schüler über Mehrfachidentitäten verfügen, lassen sich diese beiden Lernziele gut miteinander kombinieren.
 

Die Lehrerinnen stellen ihren jeweiligen Klassen fünf internationale Kunstschaffende vor: Ameh Egwuh, Ciğdem Aky, Federico Herrero, Irene Guerriero und Shirley Kaneda (vgl. Materialien und Links). Anhand verschiedener Fragen setzen sich die Kinder mit den Werken auseinander, zuerst im Plenum, danach in Zweiergruppen: Welche Farben, Formen und Materialien erkennen sie? Welche Personen, Lebewesen oder Objekte sind abgebildet? Welche Umgebung ist zu erkennen? Welche Geschichten könnte das Bild erzählen? Was könnten die abgebildeten Personen denken oder sagen? Wie lautet der Titel des Bildes? Gäbe es andere mögliche Titel? Antworten auf die letzte Frage zu finden, bereitet den Schülerinnen und Schülern grossen Spass. Ein Bild nannten sie «Albertos», ein anderes «The easy Way».
 

Die Lehrerinnen nennen auch die Namen der Kunstschaffenden. Dadurch realisieren die Kinder, dass diese aus unterschiedlichen Regionen der Welt kommen. «Allerdings waren sie vor allem an der jeweiligen Person interessiert. Deren Herkunft war nicht so wichtig. Sie wollten mehr über die Kunstschaffenden erfahren und haben dabei herausgefunden, dass sie auch in anderen Ländern berühmt sind. Das fanden sie sehr spannend!» erzählt Manuela Röthlisberger, Lehrerin Schule Stäfa.

Nach der Bildbetrachtung entscheiden sich die Schülerinnen und Schüler für eine Künstlerin oder einen Künstler und lassen sich von ihnen für ein eigenes Kunstwerk inspirieren. Bevor sie mit der Umsetzung beginnen, bespricht die Lehrerin mit jeder Gruppe die spezifischen Eigenarten der gewählten Künstlerin oder des gewählten Künstlers. Auch der künstlerische Auftrag bespricht sie mit jeder Gruppe genau. Im Auftrag zu Ameh Egwuh erstellen die jungen Künstlerinnen und Künstler ein Bild mit einem zweifarbig gestreiften Hintergrund und ergänzen diesen mit den Umrissen einer Person und drei Gegenständen.

Ameh Egwuh, Lost in Thought, 2020, Originalkunstwerk, von dem die Kinder ausgehen.	
www.artsy.net/artwork/ameh-egwuh-lost-in-thought (01.06.2022)
Ameh Egwuh, Lost in Thought, 2020, Originalkunstwerk, von dem die Kinder ausgehen.
www.artsy.net/artwork/ameh-egwuh-lost-in-thought (01.06.2022)

Dieser Auftrag bietet ihnen die Gelegenheit, der Klasse Objekte zu präsentieren, mit denen sie sich identifizieren. Eine Schülerin wählt Gegenstände, die mit ihrem Hobby Leichtathletik zusammenhängen, analog zu einer Schülerin, die Geräteturnen mag. Ein Schüler bildet einen Erfinder ab.  

Arbeit von Schülerin mit Gegenständen ihres Hobbys Leichtathletik. Aufnahme Tamina Kappeler
Arbeit von Schülerin mit Gegenständen ihres Hobbys Leichtathletik. Aufnahme Tamina Kappeler
Arbeit von Schülerin zu Geräteturnen. Aufnahme Tamina Kappeler
Arbeit von Schülerin zu Geräteturnen. Aufnahme Tamina Kappeler
Arbeit von Schülerin zu Geräteturnen. Aufnahme Tamina Kappeler
Arbeit von Schülerin zu Geräteturnen. Aufnahme Tamina Kappeler

«Ich habe es den Kindern überlassen, ob sie die schwarzen Striche für die Körperteile übernehmen, oder eine andere Farbe wählen. Die meisten Kinder haben ganz natürlich den schwarzen Fineliner gewählt, weil der Künstler es auch so gemacht hat.» (Thalia Keller, Lehrerin 5. Klasse)

Arbeit von Schülerin zu Geräteturnen. Aufnahme Tamina Kappeler
Arbeit von Schülerin zu Geräteturnen. Aufnahme Tamina Kappeler
Arbeit von Schülerin zu Geräteturnen. Aufnahme Tamina Kappeler
Arbeit von Schülerin zu Geräteturnen. Aufnahme Tamina Kappeler
Arbeit von Schülerin zu Geräteturnen. Aufnahme Tamina Kappeler
Arbeit von Schülerin zu Geräteturnen. Aufnahme Tamina Kappeler

Zwischendurch, und spätestens nach Abschluss aller Kunstwerke, führt die Klasse Bildbetrachtungen zu den eigenen Kunstwerken durch. Dabei achten die Lehrerinnen darauf, dass die Kinder Ich-Botschaften formulieren, z.B. «Das gefällt mir» anstatt «Das ist schön». Wichtig sind die Ich-Botschaften insbesondere, wenn die Kinder negative Kritik formulieren.
 

Nach Abschluss des Projekts lädt die Klasse die Eltern an eine Vernissage ein, um die Produkte zu zeigen. Thalia Keller beobachtet dabei, wie einige Eltern ganz neue Seiten an ihren Kindern entdecken: «Schülerinnen und Schüler, die in anderen Fächern Mühe haben, hatten bei der Vernissage die Gelegenheit, ihre Stärken zu präsentieren», sagt sie. In der Ausstellung wandern die Eltern von Kunstwerk zu Kunstwerk und kommen spontan und auf eine natürliche Weise mit anderen Eltern, die unmittelbar in der Nähe stehen, ins Gespräch. Die Kunstwerke der Kinder animieren sie, Kontakte zu knüpfen.

So kann es gelingen

Auswahl der Kunstschaffenden

Bei der Auswahl der Kunstschaffenden achtet die Lehrperson darauf, stufengerechte Kunstwerke auszuwählen, beispielsweise solche, die eher leichtverdauliche Themen darstellen. Sie kann sich zudem eine Checkliste zur Hand nehmen, um sicherzustellen, dass eine möglichst breite Auswahl getroffen wird: Frauen, Männer, POC- und LGBTQ+-Kunstschaffende, internationale und Schweizer Kunstschaffende sowie solche mit einer sozioökonomisch benachteiligenden Herkunft oder mit einer körperlichen oder kognitiven Beeinträchtigung. 
 

Unter «Materialien und Links» finden Sie eine umfangreiche Liste von weiteren Kunstschaffenden, die Schwarz oder homosexuell sind, solche mit einer körperlichen oder kognitiven Beeinträchtigung oder Kunstschaffenden aus Europa mit einem sogenannten Migrationshintergrund.
 

Wichtig zu beachten ist, dass zu einigen Kunstschaffenden, die vom Mainstream abweichen, wenig deutschsprachige Informationen vorhanden sind.
 

Die Lehrerinnen sind überzeugt, dass das Projekt in ihrer Klasse auch deshalb so erfolgreich war, weil die Schülerinnen und Schüler zwischen verschiedenen Kunstschaffenden wählen konnten.

Vielfalt thematisieren

Nicht alle genannten Kategorisierungen sind äusserlich sichtbar, wie zum Beispiel die sexuelle Orientierung, die sozio-ökonomische Herkunft oder die psychische Gesundheit. Die Lehrperson kann die Diversitätskategorisierungen thematisieren, wenn sie relevant sind und z.B. in den Kunstwerken zum Ausdruck kommen. Vorsicht ist dabei hinsichtlich Zuschreibungen geboten. Manuela Röthlisberger hat in ihrer Klasse dazu eine spannende Beobachtung gemacht. Ihre Schülerinnen und Schüler haben gelesen, dass die Künstlerin Shirley Kaneda ursprünglich aus Japan kommt und haben dadurch sofort die Verbindung zu Anime (Bezeichnung für Animationsfilme und -serien in Japan) hergestellt. Sie wollten wissen, ob die Künstlerin ebenfalls Anime zeichne. In einem zweiten Schritt haben sie dann herausgefunden, dass dem nicht so ist und dass die Künstlerin in New York lebt. Eine gute Erfahrung für die Kinder, dass Annahmen aufgrund der Herkunft von Menschen oft irreführend sein können.
 

Im Sinne der Vielfalt als Normalität ist es auch denkbar, diese Unterrichtsreihe durchzuführen, ohne auf die Diversitätskategorisierungen näher einzugehen.  

Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler

Manche Schülerinnen und Schüler besuchen regelmässig und seit der frühen Kindheit Ausstellungen mit ihrer Familie. Sie wissen, was die Lehrperson meint, wenn sie von einer «Vernissage» spricht. Nicht alle werden jedoch mit den Merkmalen einer Vernissage oder mit Verhaltensnormen in einem Museum vertraut sein. Dies kann es für sie erschweren, sich einem Kunstwerk anzunähern oder die Vernissage durchzuführen. Ein Ausflug in ein Museum bietet Lehrpersonen eine gute Gelegenheit, den Kindern verschiedene Kunstschaffende und Elemente einer Ausstellung näherzubringen. Wichtig ist dabei, dass Lehrpersonen die Kinder gut auf den Museumsbesuch vorbereiten, so dass alle an ihren eigenen Erfahrungen anknüpfen und somit etwas lernen können. Z.B. könnte die Klasse, bevor sie das Gebäude betritt, überlegen, wie es im Inneren des Museums aussehen könnte, welche Atmosphäre herrschen könnte. Denkbar wäre auch, nach den ersten Eindrücken gemeinsam zu überlegen, was unerwartet ist, woran das Museum erinnert, welche Gefühle geweckt werden usw.

Bildbetrachtung

Führen Lehrpersonen die Bildbetrachtung auch mit den Kinder-Kunstwerken durch, erhalten die Kinder eine enorme Wertschätzung für ihre Werke. Die ganze Klasse nimmt sich Zeit, die Welt durch die Augen des jeweiligen Kindes zu betrachten. Dieses nimmt sich aber auch die Zeit, sein Werk durch die Augen der anderen anzuschauen. Die Schülerinnen und Schüler fühlen sich durch ihre Kunst «gesehen» und erleben, dass auch sie Kunstschaffende sein können. Wenn die Lehrerin schon bei der ersten Bildbetrachtung auf einen beschreibenden und wertschätzenden Ton und auf Ich-Botschaften achtet, trägt sie zu einer angenehmen Atmosphäre bei, die für die Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls förderlich ist.

Eigene Umsetzung der Schülerinnen und Schüler stärken

Die Erfahrung zeigt, dass sich einige Schülerinnen und Schüler bei der Umsetzung stark an den bereits bestehenden Kunstwerken orientieren und mit ihren eigenen Kunstwerken teilweise unzufrieden sind. Die Lehrerin hat in diesen Situationen nochmals nach den typischen künstlerischen Merkmalen der/des jeweiligen Kunstschaffenden gefragt, z.B.: Was macht diesen Künstler aus? Was ist bei dir anders? Was könntest du noch verändern? Allerdings war es der Lehrerin in diesen Situationen auch wichtig, auf die künstlerische Charakteristik des jeweiligen Kindes hinzuweisen und es dadurch in seinem eigenen Kunstschaffen zu stärken, z.B.: Was ist denn nun typisch für dich? Was macht dieses Kunstwerk zu deinem Kunstwerk?

Materialien und Links

Hier finden Sie den Ablauf der vorgestellten Unterrichtseinheit, einen spezifischen Auftrag zu Kunstwerken von Ameh Egwuh und eine Liste weiterer Kunstschaffender.   

Die Aufträge zu folgenden Kunstschaffenden können Sie direkt bei uns beziehen: dominique.braun@phzg.ch
 

  • Auftrag Shirley Kaneda

  • Auftrag Ciğdem Aky

  • Auftrag Federico Herrero

  • Auftrag Irene Guerriero

Kontakt

Manuela Röthlisberger
Schule Stäfa
manuela.roethlisberger@schule-staefa.ch

Dominique Braun
Dozentin, PH Zug
Mail schicken

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