Elternabend einmal anders. Die Kinder führen ihre Eltern und Geschwister mit Hilfe einer Checkliste in ihrer Familiensprache durch die Schule. Dabei kann gegenseitig gelernt, entdeckt, gespielt und mit den Lehrpersonen ausgetauscht werden.

Text: Miriam Aegerter
Empfohlen für Zyklus 1 und 2

Beschreibung der Idee

An einem Dienstag im November sind alle Eltern und Geschwister der Erst- und Zweitklässler im Rönnimoos in Luzern in die Schule eingeladen. Nicht wie üblich zu einem gewöhnlichen Elternabend, sondern diesmal werden den Eltern die Informationen auf ganz spezielle Art vermittelt: durch die Schülerinnen und Schüler selbst.

 

Entstanden ist die Idee des „Offenen Schulzimmers“ aus der Tatsache heraus, dass die Elternabende in den Klassen nicht so gut besucht waren und es oftmals sprachliche Barrieren gab. Es mussten immer zahlreiche Dolmetschende organisiert werden oder die Eltern nahmen Kinder oder Bekannte als Übersetzungshilfen mit. Auch die kleineren Kinder wurden mitgebracht, da keine andere Betreuungsmöglichkeit vorhanden war. Inzwischen ist der Elternabend "offenes Schulzimmer" bei der Unterstufe Rönnimoos Tradition und wird seit rund zehn Jahren erfolgreich durchgeführt. Die Kinder sind immer mit sehr viel Engagement unterwegs und sichtlich stolz, der Familie alles allein zeigen zu dürfen. Die Eltern haben Freude und sind ebenfalls stolz auf ihre neugebackenen Schulkinder. So waren die Rückmeldungen der Eltern auch stets äusserst positiv.

 

Von 17 bis 19 Uhr sind die Türen offen und die Kinder der drei Unterstufenklassen führen ihre Eltern und Geschwister mit Hilfe einer Checkliste durch das eigene Schulzimmer, die Bibliothek, den Singsaal und weitere relevante Orte.  Ziel ist es, den Eltern bei dieser Führung die verschiedenen Orte, Arbeitsmaterialien und wichtige Hilfsmittel des Schulalltags vorzustellen. Viele mehrsprachige Kinder nutzen die Möglichkeit, ihre Eltern in ihrer Erstsprache durch den Abend zu begleiten. Nach getaner Arbeit haben Klein und Gross die Gelegenheit, sich im Foyer des Schulhauses bei einem gemütlichen Apéro in ungezwungenem Rahmen klassenübergreifend zu unterhalten.

 

Nach der Begrüssung der Klassenlehrperson, welche im Schulzimmer anwesend ist, erhält das Kind eine «Checkliste», ein Klemmbrett und einen Bleistift. Die Kinder haben die Liste bereits mehrmals im Unterricht besprochen und mit den Mitschülerinnen und Mitschülern mindestens einmal durchgespielt. Anhand der Punkte auf der Liste, die durch Bilder unterstützt ist, führen die Kinder ihre Familien zuerst durch das eigene Schulzimmer und dann durchs ganze Schulhaus. Dabei erklären sie wichtige Bestandteile aus dem Schulalltag in ihrer Familiensprache. Wenn die Familie beim Rundgang bei der Bibliothek vorbeikommt, haben die Eltern die Möglichkeit ihrem Kind eine Geschichte zu erzählen und im Schulzimmer spielt die Familie beispielswese gemeinsam ein Spiel. Im Verlauf des Rundgangs treffen die Eltern alle an der Klasse unterrichtenden Lehrpersonen sowie andere im Schulalltag relevante Personen (Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter, Elternmitwirkung oder die Schulleitung) und lernen die verschiedenen Räume der Schule kennen (z.B. Singsaal, Bibliothek, Büro SSA oder SL, Turnhalle).

 


Schulrundgang. Aufnahme Schule Rönnimoos Luzern
Schulrundgang. Aufnahme Schule Rönnimoos Luzern
Zu Besuch in der Bibliothek. Aufnahme Schule Rönnimoos Luzern
Zu Besuch in der Bibliothek. Aufnahme Schule Rönnimoos Luzern

Es besteht die Möglichkeit niederschwellig Kontakte zur Klassenlehrperson, den Fachlehrpersonen, der Schulsozialarbeit, der Schulleitung und der Elternmitwirkung zu knüpfen. „Die Eltern sehen beim Rundgang die Bibliothek, in der wir immer Bücher in allen Sprachen haben, die im Schulhaus vertreten sind und lesen meistens den Kindern eine Geschichte vor. Im Verlaufe des Abends können wir Lehrpersonen sehr viel beobachten. Beim Punkt «spiele dein Lieblingsspiel mit deiner Familie» beobachten wir beispielsweise einiges über das Spielverhalten oder den sozialen Umgang in den Familien. Aus diesen Gründen ist der Anlass auch für uns Lehrpersonen viel gewinnbringender als die ursprünglich gewohnten Elternabende“, so Runa Zgraggen, DaZ Lehrperson an der Schule Rönnimoos.

 

Wie lange die Familien im Schulhaus verweilen, hängt ganz von den Eltern ab und variiert zwischen 30 Minuten und zwei Stunden. «Da die Klassenlehrperson nur für das Austeilen und Einsammeln der Checklisten verantwortlich ist, gibt es genug Zeit für einen individuellen und ungezwungenen Austausch zwischen Eltern und Lehrpersonen. Beim klassenübergreifenden Apéro in der Eingangshalle vernetzen sich die Eltern untereinander und kommen in Kontakt mit der Elternmitwirkung, der Schulleitung und der Sozialarbeit. Die Begegnung mit der Schulsozialarbeit kann sich auf ein einfache Begrüssung beschränken oder konnte auch schon in einem klärendes Erstgespräch, einer Fachstellenvermittlung oder einer Terminvereinbarungen enden», führt Runa Zgraggen aus. Wenn die Punkte der Liste durchgegangen wurden und alle Fragen geklärt sind, melden sich die Schülerinnen und Schüler bei der Klassenlehrperson und geben die Checkliste ab.

"Es ist immer wieder schön zu sehen, mit welchem Engagement, Selbstvertrauen und Stolz bereits Unterstufenkinder diese Aufgabe bewältigen."

Runa Zgraggen, DaZ-Lehrperson Schulhaus Rönnimoos

Im Rönnimoos findet das „offene Schulzimmer“ dann auch in der 3./4. und schliesslich nochmals in der 5./6. Klasse statt. In der 5./6. Klasse sieht der Abend wie folgt aus: Nebst einem Input der Klassenlehrpersonen im Schulzimmer führen die Lernenden ihre Eltern (und Geschwister) durch die verschiedenen Fachzimmer und erklären die wichtigen Themen der 5./6. Klasse. Ebenfalls mithilfe einer Checkliste können sie so ihren Eltern in der Erstsprache zeigen, wie der Unterricht funktioniert und die Fachlehrpersonen persönlich vorstellen.

 

Eltern und Schule verbindet das Interesse am Schulerfolg und am Wohlergehen des Kindes. Mit der Idee des Schulrundgangs kann dieses gemeinsame Anliegen ins Zentrum gestellt und als Ausgangspunkt für eine gelingende Zusammenarbeit genommen werden (vgl. Hintergrundinformationen).  Klassenübergreifende Anlässe, wie es ein solcher Schulrundgang ist, sind ein geeigneter Rahmen, um Eltern zu informieren und die Lehrpersonen gleichzeitig zu entlasten.(1) Ein weiterer Vorteil ist, dass auch Schülerinnen und Schüler mit individuellen Lernzielen, genau wie alle anderen, zeigen können, woran sie gerade arbeiten und wie sie die Schule erleben.  Die Eltern können sich bei einem solchen Anlass Zeit für ihr Kind und seinen Alltag nehmen und den Kontakt zu den Lehrpersonen niederschwellig vertiefen und ihre Fragen stellen.

 

So kann es gelingen

Commitment des Teams

Gemäss Runa Zgraggen, DaZ-Lehrperson in der Schule Rönnimoos, ist das Commitment des Teams eine wesentliche Gelingensbedingung. Die Lehrpersonen und die Schulleitung müssen das Angebot mittragen und bei der Durchführung vor Ort sein. Ideal ist, wenn der Anlass in der Schule institutionalisiert werden kann und regelmässig durchgeführt wird. So kennen die Eltern, die Lehrpersonen und die Schülerinnen und Schüler das Setting und wissen, was sie erwartet. Im Falle des erwähnten Beispiels in Luzern findet das „Offene Schulzimmer“ alle zwei Jahre, immer bei einem Schulzimmer- und Lehrpersonenwechsel, statt.

Flexibles Zeitfenster

Ein grosser Vorteil ist das flexible Zeitfenster. So kommen einige Eltern vor der Nachtschicht, andere direkt nach dem Arbeiten oder auch von zu Hause. Dadurch verteilen sich die Familien sehr gut und es bleibt genug Zeit für individuelle Gespräche zwischen Eltern und Lehrpersonen, was erfahrungsgemäss ein grosses Bedürfnis der Eltern ist. Es hat sich jedoch bewährt, dass den Eltern mitgeteilt wird, bis wann sie spätestens erscheinen sollten, damit sie genügend Zeit für den Rundgang haben.

Vorbereitung / Checkliste

Die Kinder üben den Ablauf / Rundgang mit Hilfe der Checkliste bereits im Unterricht. Je nachdem, was im aktuellen Schuljahr gerade besonders relevant ist, kann die Checkliste angepasst werden. So können in einem Jahr im Singsaal vielleicht Instrumente ausprobiert werden und im nächsten Jahr haben die Kinder die Möglichkeit mit den Eltern im Werkraum etwas zu kreieren, eine Einführung in ein neues Lehrmittel zu erhalten oder im Büro der Schulsozialarbeit die neue Schulsozialarbeiterin oder den neuen Schulsozialarbeiter kennen zu lernen. „In einem Jahr haben wir ein Zimmer festgelegt, in welchem wir Eltern bei PC- oder App-Login-Fragen behilflich sein konnten“ (Runa Zgraggen).

Rundgang in der Familiensprache / ganze Familie willkommen

Die Kinder können ihre Eltern und Geschwister in der ihnen geläufigen Familiensprache durch die Schule führen. Die Eltern können so alles verstehen und haben einen tiefen und eigenen Einblick in den Schulalltag ihres Kindes. Wenn die Geschwister mitkommen dürfen, hat das einen mehrfachen Nutzen: Die Eltern brauchen erstens keine Betreuung für die Geschwister. Zudem können die Lehrpersonen die Kinder, die ein paar Jahre später in die Schule kommen, bereits kennen lernen. Diese kleineren Kinder haben dann bereits eine Vorstellung davon, was und wer sie in der Schule erwartet und können so ihre Hemmungen, falls sie welche haben, abbauen. Die älteren Geschwister, welche das Setting bereits kennen, können (sprachlich) unterstützen und freuen sich schliesslich, wenn sie ihnen bekannte Lehrpersonen (wieder) sehen.

  1. (1) vgl. Mantel et al. 2019, S. 169

Materialien und Links

Verwendete Literatur
 

Mantel, C., Aepli, M., Büzberger, M., Dober, H., Hubli, J., Krummenacher, J., Müller, A. & Puškaric, J. (2019). Auf den zweiten Blick: eine Sammlung von Fällen aus dem Schulalltag zum Umgang mit migrationsbezogener Vielfalt: ein Handbuch für Lehrpersonen im 1. und 2. Zyklus. 1. Auflage. Bern: hep, der Bildungsverlag. Print.

Kontakt

Runa Zgraggen
Lehrperson, Schule Rönnimoos Luzern
Mail schicken

Miriam Aegerter
Dozentin, PH Zug
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