Integrieren Lehrpersonen verschiedene Sprachen in den Unterricht , können sie die Gelegenheit nutzen und die Sprachen gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern vergleichen. Sie besprechen dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der Lautungen, der Klänge, der Sprachstrukturen, der Schriftbilder oder der Sprachbedeutungen.

Mitarbeit Entwicklung: Elvirë Sinani, Yuan Tian
Text:
Dominique Braun
 

Die Entwicklung dieser Umsetzung wurde vom Bundesamt für Kultur (EDI) unterstützt:

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Lehrplanbereich

Diese Umsetzungen wurden sowohl im Regelklassenunterricht als auch im HSK-Unterricht entwickelt. Deshalb beziehen sich die angegebenen Kompetenzen auf den Lehrplan 21 und auf den Rahmenlehrplan für Heimatliche Sprache und Kultur (HSK).
 

Die Umsetzungen bewegen sich im Kompetenzbereich «Sprache(n) im Fokus». An folgenden Kompetenzen kann eine Lehrperson mit ihrer Klasse arbeiten:


Fachliche Kompetenzen


D.5.C.1.b:

 

  • Die Schülerinnen und Schüler können Wörter in Bezug auf ihre Lautstruktur untersuchen.

  • Die Schülerinnen und Schüler können Erfahrungen sammeln mit: Wort- und Satzbau (z.B. Wortgrenzen und Anzahl Wörter in einem Satz bestimmen); unterschiedlichen Lautstrukturen der verschiedenen Sprachen in der Klasse (Satzmelodie); unterschiedlichen Schriftsystemen (z.B. Bilderschrift).


D.5.C.2.d: Die Schülerinnen und Schüler können Lautung, Wort- und Satzbau in verschiedenen Sprachen (der Klasse) vergleichen (z.B. unterschiedliche Laute, Wortübersetzung, unterschiedliche Wortstellung).(1)
 

Die Schülerinnen und Schüler machen sich anhand geeigneter Frage- und Aufgabenstellungen Gedanken zu ihrer Herkunftssprache (z. B. grammatische Geschlechter, Bildung der Plural- und Zeitformen, Dialekte, Geschichte etc.). Dabei helfen Vergleiche mit dem Deutschen und evtl. anderen in der Schule vermittelten oder gesprochenen Sprachen, um Eigenheiten der Herkunftssprache herauszuarbeiten und zu erkennen (Sprachbewusstheit/ language awareness).(2)

Umsetzung – Sprachvergleich zu Sprachstrukturen

Vorbereitende Aktivitäten

Die Lehrperson arbeitet mit der Klasse an Lesetexten zur Geschichte «Pippi findet einen ‘Spunk’», die im Wahlmodul des Lehrmittels Deutsch Drei empfohlen wird.(3) Einzelne Sequenzen führt sie mehrsprachig durch, etwa ein mehrsprachiges Menschenmemory. Zudem lesen die Schülerinnen und Schüler die Geschichte. Einzelne Sätze können sie – wenn sie wollen – in einer anderen Sprache als Deutsch lesen.

Hauptteil

Mit dem Satz «Pippi geht zum Doktor» setzen sich die Schülerinnen und Schüler hinsichtlich Lautungen, Satzstrukturen und Schriftbildern genauer auseinander, indem sie verschiedene Sprachen vergleichen.
 

Sie arbeiten in 4er-Gruppen und erhalten Streifen, auf denen der Satz in unterschiedlichen Sprachen notiert ist. Zudem erhalten sie verschiedene Fragen, die sie als Gruppe beantworten:

 

  • Die Suche nach dem Verb: In den meisten Sprachen im Dokument steht die Person (Pippi) am Anfang und das Verb direkt danach (z. B. Deutsch: «Pippi geht...», Englisch: «Pippi goes...»). In welcher Sprache steht das Wort für «geht» (gidiyor) jedoch ganz am Ende des Satzes?

  • Ähnlichkeiten entdecken: Schau dir die Sätze auf Deutsch, Niederländisch und Afrikaans an.  Welche Wörter für «geht» oder «geht zu» klingen in diesen drei Sprachen fast gleich oder sehen sich sehr ähnlich?

  • Andere Schriftzeichen: In dem Dokument gibt es Sprachen, die nicht die lateinischen Buchstaben verwenden wie in der deutschen Sprache (z.B. Hindi, Ukrainisch oder Russisch). Wie viele verschiedene Arten, den Namen «Pippi» zu schreiben, kannst du in der Tabelle finden?


Ihre Erkenntnisse präsentieren die Schülerinnen und Schüler im Anschluss vor der Klasse und achten dabei auf vorgegebene Kriterien.

Schülerinnen und Schüler bereiten die Präsentation zu ihren Erkenntnissen vor. Aufnahme Elvirë Sinani
Schülerinnen und Schüler bereiten die Präsentation zu ihren Erkenntnissen vor. Aufnahme Elvirë Sinani
Gruppierung der Sprachen gemäss Auftrag für die Präsentation. Aufnahme Elvirë Sinani
Gruppierung der Sprachen gemäss Auftrag für die Präsentation. Aufnahme Elvirë Sinani
Kriterien für die Präsentation. Aufnahme Elvirë Sinani
Kriterien für die Präsentation. Aufnahme Elvirë Sinani

Umsetzung – Sprachvergleich zu Sprachbedeutungen

Im HSK-Unterricht Chinesisch behandelt die Lehrperson die Geschichte «Der Frosch im Brunnen»: Ein Frosch lebt glücklich in einem verfallenen Brunnen. Eines Tages kommt eine Schildkröte vorbei und fragt den Frosch, wie es sei, im Brunnen zu leben. Der Frosch schwärmt von seinem Leben. Doch dann erzählt die Schildkröte von der gigantischen Weite und Tiefe des Meeres. Der Frosch merkt, wie wenig er von der Welt weiss.(4) (vgl. Gesamttext bei Materialien und Links).
 

Die Geschichte verweist auf eine bekannte chinesische Redensart:

井蛙不可以语于海者。

Jǐngwā bù kěyǐ yǔ yú hǎi zhě.
 

Diese bedeutet: Mit einem Frosch kann man nicht über das Meer sprechen.
 

Im Deutschen entspricht dies folgenden Redensarten:

  • Nicht über den Tellerrand schauen

  • Einen Tunnelblick haben


Auch im Chinesischen gibt es noch weitere Redensarten mit derselben Bedeutung. Für die Schülerinnen und Schüler ist es oft schwierig, diese zu verstehen. Deshalb nutzt die Lehrperson die deutsche Sprache als Brücke, um den Kindern die Redensarten in Chinesisch verständlicher zu machen. Sie notieren die Redensarten in Chinesisch auf ein Plakat, kleben die Bedeutung auf, stellen die Bedeutung zeichnerisch dar und notieren sie in Deutsch:

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Verschiedene ähnliche Redensarten in Chinesisch und Deutsch. Aufnahme Yuan Tian
Verschiedene ähnliche Redensarten in Chinesisch und Deutsch. Aufnahme Yuan Tian
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Redensarten eignen sich also gut, um über Sprachbedeutungen nachzudenken. Sie enthalten mitunter – wie oben beschrieben – in verschiedenen Sprachen unterschiedliche Metaphern, sagen aber dasselbe aus. Weitere Beispiele sind:

redensarten_verschiedene_sprachen.jpg
für weitere Themen

Bei den folgenden Umsetzungen haben die Lehrpersonen auch einen Sprachvergleich integriert:

 

Methodisch-didaktische Überlegungen


Sprachbewusstheit fördern

Vergleichen Lehrpersonen Sprachen immer wieder, bedeutet dies, dass sie gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern über Sprache nachdenken und sprechen. Dadurch unterstützen sie die Entwicklung der Sprachbewusstheit.(5) Die Sprachbewusstheit wiederum unterstützt, gemeinsam mit dem Wissen über verschiedene Sprachen, den allgemeinen Aufbau kommunikativer Kompetenzen von Kindern.(6) (vgl. auch Hintergrundinformationen: «Sprachbewusstheit fördern»).

Formen von Sprachvergleichen

Sprachvergleiche können in unterschiedlichen Unterrichtsmomenten erfolgen:

  • Lehrpersonen reagieren, wenn ein Kind beispielsweise im Englischunterricht entdeckt, dass „potatoe“ auf Albanisch („patate“) ganz ähnlich klingt.

  • Spontan improvisierte Sprachvergleiche im Unterricht , zum Beispiel wenn die Lehrperson an obige Entdeckung anknüpft und mit der Klasse weitere Beispiele sammelt.

  • Geplante Unterrichtssequenzen, die Sprachvergleiche beinhalten.


Sprachvergleiche müssen also nicht in jedem Fall viel Vorbereitungs- oder Unterrichtszeit beanspruchen, wenn Lehrpersonen spontane Inputs der Schülerinnen und Schüler geschickt nutzen. 

     

Rolle der Lehrperson

Damit Schülerinnen und Schüler ihre Sprachbewusstheit anhand von Sprachvergleichen entwickeln können, braucht es eine gezielte Begleitung durch die Lehrperson. Sie stellt Fragen und regt die Schülerinnen und Schüler dadurch zum Denken an.
 

Viele Lehrpersonen trauen sich nicht sofort zu, Sprachvergleiche durchzuführen, weil sie u.a. ihre eigenen Sprachkompetenzen als ungenügend dafür betrachten. Lehrpersonen können allerdings Sprachvergleiche durchführen, ohne im Einzelnen über die verschiedenen Sprachen Bescheid zu wissen. Vielmehr erforschen sie gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Sie übernehmen damit eine eher moderierende und begleitende Rolle im Lernprozess. Das bedeutet, dass sie etwas Kontrolle abgeben müssen. Zugleich können die Schülerinnen und Schüler ihr mehrsprachiges Wissen einbringen.(7) Wichtig ist, dass sie diese Expertise von sich aus und freiwillig äussern. Wenn sie nämlich in die Rolle der Expertinnen und Experten gedrängt werden, fühlen sie sich möglicherweise als anders und nicht zugehörig zur Klassengemeinschaft (vgl. Hintergrundinformationen).

  1. (1) vgl. D-EDK, 2016

    (2) vgl. Bildungsdirektion Kanton Zürich, 2023

    (3) vgl. Baumann Schenker et al., 2024
    (4) vgl. Zhang, X. (o.J.)

    (5) vgl. Wildemann & Bien-Miller, 2021, S. 153f.

    (6) vgl. Trim, North, Coste & Sheils 2001, S. 17 zit. nach Caprez-Kompàk 2010, S. 14

    (7) vgl. Bredthauer, 2020

Materialien und Links

Text zu «Der Frosch im Brunnen»

Verwendete Literatur

Baumann Schenker, S., Lieb, S., Quesel-Bedrich, A., Schmid von Felten, M., Schüpfer, B. & Thürig, J. (2024). Deutsch KG bis Sechs. Handbuch. Zürich: Lehrmittelverlag Zürich (LMVZ).
 

Bildungsdirektion des Kantons Zürich, Volksschulamt. (2023). Rahmenlehrplan für Heimatliche Sprache und Kultur (HSK). Mit Erläuterungen zu den Rahmenbedingungen des Unterrichts. 4. Aufl. Verfügbar unter: https://hsk-info.ch/images/Dokumente%20zum%20Download/rahmenlehrplan_hsk_de_neu11.pdf  Zugriff am 07. Juli 2025.
 

Bredthauer, S. (2020). Sprachvergleiche in hyperdivers-mehrsprachigen Klassen: Schüler*innen als Expert*innen. Beiträge zur Fremdsprachenvermittlung 62, 5–18.
 

Caprez-Krompàk, E. (2010). Entwicklung der Erst- und Zweitsprache im interkulturellen Kontext. Eine empirische Untersuchung über den Einfluss des Unterrichts in heimatlicher Sprache und Kultur (HSK) auf die Sprachentwicklung. Münster: Waxman.
 

D-EDK (Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz). (2016). Lehrplan 21. Verfügbar unter https://www.lehrplan21.ch/ Zugriff am 7. Juli 2025.
 

Wildemann, A., & Bien-Miller, L. (2022). Warum lebensweltlich deutschsprachige Schülerinnen und Schüler von einem sprachintegrativen Deutschunterricht profitieren – empirische Erkenntnisse. Zeitschrift für Grundschulforschung ZfG, 15(1), 151–167.
 

Zhang, X. (o.J.). Der Frosch im Brunnen. Konfuzius-Institut München (Hrsg.). https://www.konfuzius-muenchen.de/fileadmin/documents/Story2Go/Jing_Di_Zhi_Wa_Deutsch.pdf (abgerufen 17. März 2026).

Kontakt

Dominique Braun
Dozentin, PH Zug
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