Lehrpersonen haben verschiedene Möglichkeiten, den Schulalltag selbstverständlich mehrsprachig zu gestalten. Dadurch geben sie den verschiedenen Sprachen Raum und anerkennen, dass es normal ist, dass wir in einer mehrsprachigen Gesellschaft leben.

Mitarbeit Entwicklung: Elvirë Sinani, Sarah Thalmann
Text:
Dominique Braun
 

Die Entwicklung dieser Umsetzung wurde vom Bundesamt für Kultur (EDI) unterstützt:

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Umsetzung

Mehrsprachigkeit als Ressource anerkennen

Mehrsprachigkeit wird dann zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Schulalltags, wenn Lehrpersonen sie als Ressource anerkennen. Das bedeutet, dass Lehrpersonen mehrsprachige Schülerinnen und Schüler als Menschen wahrnehmen, die Kompetenzen in verschiedenen Sprachen mitbringen. Diese ressourcenorientierte Haltung zeigt sich, wenn alle sprachlichen Ressourcen im Schulzimmer grundsätzlich willkommen sind und die Verwendung einer Erstsprache in bestimmten Situationen erlaubt ist, z.B.:

    

  • Schülerinnen und Schüler mit derselben Erstsprache kommunizieren in einer Gruppenarbeit in der entsprechenden Sprache. Dass dies nur möglich ist, wenn alle Beteiligten die Sprache verstehen, ist selbstverständlich.

  • Eine Präsentation erfolgt in der Erstsprache. Damit die Zuhörenden folgen können, stehen ihnen beispielsweise Scaffolds oder Schlüsselwörter in Deutsch zur Verfügung. Die Erfahrung zeigt, dass gerade Lernende, die noch über wenige Deutschkenntnisse verfügen von ihren Lehrpersonen sowie Mitschülerinnen und Mitschülern anders wahrgenommen werden, wenn sie die Möglichkeit erhalten, in ihrer Erstsprache zu sprechen, z.B. wenn sie von einem Ferienerlebnis berichten (siehe unten).

«P. ist neu aus Spanien zugezogen. Sie ist eher zurückhaltend und schüchtern. Die Kinder hören sie selten sprechen, weil sie sich oft nicht traut. Häufig spreche ich Sätze vor, die sie dann nachspricht, damit sie überhaupt zum Sprechen kommt.  Als sie jedoch auf Spanisch von ihren Ferien in Spanien erzählen durfte, sprudelte es nur so aus ihr heraus. Und da sah man plötzlich ein Strahlen auf ihrem Gesicht, als die Kinder applaudierten. An den Reaktionen der Kinder konnte man erkennen, dass sie überrascht waren, wie selbstbewusst und sicher P. vor der ganzen Klasse berichtet hat. Ich muss ihr unbedingt öfters solche Möglichkeiten bieten.» (Zitat Elvirë Sinani, Primarschule Affoltern a.A.)

  • Texte stehen mehrsprachigen Schülerinnen und Schülern auch in den verschiedenen Erstsprachen zur Verfügung. Damit garantieren Lehrpersonen, dass die Lernenden den Inhalt verstehen. Zudem haben diese dadurch die Gelegenheit, bildungssprachliche Kompetenzen auch in ihrer Erstsprache zu erwerben (vgl. Hintergrundinformationen – bildungssprachliche Kompetenzen).


Wichtig ist, dass Lehrpersonen mit der Klasse thematisieren, wann der Rückgriff auf die Erstsprache sinnvoll ist. Insbesondere soll dadurch kein sprachlicher Ausschluss entstehen.

Sprachenvielfalt präsent halten

Wenn verschiedene Sprachen im Schulzimmer und im Schulhaus dauerhaft sicht- und hörbar sind, sind sie selbstverständlich präsent. Dies können Lehrpersonen mit einfachen Mitteln erreichen: 

  • Sie bringen «Guten Morgen» an der Schulzimmertür oder im Schulzimmer in allen Klassen- und weiteren Sprachen und Schriften an. Oder das Team gestaltet im Schulhaus eine Willkommenswand, auf der «Herzlich willkommen» mindestens in allen Sprachen, die im Schulhaus gesprochen werden, aufgeführt ist. Idealerweise ist zusätzlich die Möglichkeit vorhanden, die Begrüssungen zu hören, z.B. anhand von Vorlesestiften oder mit Tablets über einen QR-Code. Solche Begrüssungs- und Willkommenswände wachsen über die Zeit. Im Schulhaus braucht es deshalb eine verantwortliche Person, die die Begrüssungen «hütet».

  • Im Schulzimmer sind Gegenstände oft in den Fremdsprachen beschriftet. Solche Beschriftungen können Lehrpersonen auf weitere Sprachen ausweiten. Damit es übersichtlich bleibt, tauschen sie die Sprachen regelmässig aus. Sie achten dabei darauf, dass sie Sprachen mit weniger gesellschaftlichem Ansehen nicht hintenanstellen (vgl. dazu Hintergrundinformationen – Sprachhierarchien).

  • Im Schulzimmer hängt ein mehrsprachiger Kalender, vielleicht sogar von der Klasse selbst gestaltet. Die Monate sind in verschiedenen Sprachen aufgeführt. Bei den Wochentagen wechselt die Sprache von Woche zu Woche.

  • Die Klassen- oder Schulbibliothek ist mehrsprachig eingerichtet. Das heisst, es sind erstens Bücher vorhanden, die mehrere Sprachen in einem Buch integrieren. Zweitens sind Bücher in verschiedenen einzelnen Sprachen verfügbar – vorzugsweise in Sprachen, die einzelne Schülerinnen und Schüler sprechen und allenfalls lesen können. Wie Lehrpersonen mehrsprachige Bilderbücher im Unterricht integrieren können, haben wir hier beschrieben.

  • Führen Lehrpersonen mehrsprachige Sprechanlässe oder andere mehrsprachige Sequenzen durch, belassen sie das mehrsprachige Material für einige Zeit im Schulzimmer, z.B. Wörterlisten.

  • Viele Lehrpersonen sind selbst mehrsprachig. Wenn sie ihre mehrsprachigen Kompetenzen selbst im Unterricht einbringen, z.B. anhand eines Verses oder eines Lieds, können sie mehrsprachig aufwachsende Kinder in ihrer mehrsprachigen Identität stärken. Auch einsprachige Lehrpersonen sprechen oft noch eine oder mehrere andere Sprachen. Sie können diese Kompetenzen ebenfalls einbringen und zeigen so allen Schülerinnen und Schülern, dass es spannend ist, sich mit unterschiedlichen Sprachen auseinanderzusetzen.

Verschiedene Sprachen regelmässig integrieren

Mehrsprachigkeit gehört eher selbstverständlich zum Schulalltag, wenn Lehrpersonen sie regelmässig integrieren, anstatt verschiedene Sprachen nur einmalig zu thematisieren. Auch hier haben sie unterschiedliche Möglichkeiten:


  • Lehrpersonen führen Rituale aus dem Unterrichtsalltag mehrsprachig durch:

  • Die Lehrperson begrüsst und/oder verabschiedet die Schülerinnen und Schüler in einer von ihnen gewählten Sprache. Oder das Los entscheidet, in welcher Sprache Begrüssung und Verabschiedung während einer Woche erfolgen. Die Beteiligung in unterschiedlichen Sprachen ist freiwillig. Möglicherweise getrauen sich nicht alle Kinder, sich in einer ihnen unbekannten Sprache auszudrücken.

  • In vielen Klassen nennt zu Beginn des Tages jeweils ein Kind den Wochentag und das Datum. Dieses Ritual kann die Klasse auch mehrsprachig durchführen. Entweder wählt jedes Kind jeden Tag eine andere Sprache oder es gibt eine Wochensprache. Auch hier achtet die Lehrperson darauf, dass niemand blossgestellt wird (vgl. dazu weiter unten)

  • Jede Woche stellt ein Kind sein Lieblingswort in einer selbstgewählten Sprache vor. Damit dies gelingt, orientieren sich die Schülerinnen und Schüler an einem Sprechplan (vgl. dazu Büchel 2022)

  • Nach den Ferien erzählen die Schülerinnen und Schüler jeweils von einem Erlebnis. Dazu nutzen sie immer denselben Ablauf:

    ·         Wo war ich?
    ·         Was habe ich gemacht?
    ·         Mit wem war ich da?
    ·         Wie war es?

    Diese Erzählungen können in verschiedenen Sprachen erfolgen. Die Erzählenden wählen jeweils drei Schlüsselbegriffe aus, die sie in Deutsch notieren. So können alle der Erzählung folgen.


  • Lehrpersonen singen mit den Schülerinnen und Schülern regelmässig mehrsprachige Lieder und spielen mehrsprachige Spiele.

  • Die Schlüsselbegriffe und wichtige Redemittel zum aktuellen Unterrichtsthema sind mehrsprachig vorhanden. Wie Lehrpersonen beispielsweise ein mehrsprachiges Brainstorming durchführen können, haben wir hier beschrieben.

  • Bei der Unterrichtsplanung überlegen Lehrpersonen gezielt, bei welchen Inhalten und zu welchen Zeitpunkten sie verschiedene Sprachen möglichst niederschwellig und authentisch einbeziehen könnten. Beispielsweise sammeln die Schülerinnen und Schüler zu einem selbstbearbeiteten Thema einige Begriffe in mehreren Sprachen.

Zeichnungen zu einem im NMG-Unterricht erforschten Tier, ergänzt mit Bezeichnungen in verschiedenen Sprachen. Aufnahme Sarah Thalmann
Zeichnungen zu einem im NMG-Unterricht erforschten Tier, ergänzt mit Bezeichnungen in verschiedenen Sprachen. Aufnahme Sarah Thalmann
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Methodisch-didaktische Überlegungen


Sprachenvielfalt als Normalität betrachten

Gestalten Lehrpersonen eine mehrsprachige Lernumgebung, anerkennen sie Sprachenvielfalt als Normalität und mehrsprachige Kompetenzen als Ressource. Trotzdem kann es im Schulalltag ungewollt passieren, dass mehrsprachige Kinder durch diese Anerkennung exponiert und dadurch besondert werden. In der Fachsprache wird dabei auch von «Othering» (1) gesprochen (vgl. dazu Hintergrundinformationen – Was kann ich besonders beachten?). Im Schulalltag erfolgt «Othering» u.a. dann, wenn Schülerinnen und Schüler als Sprachexpertinnen und -experten bezeichnet werden. Oder wenn Schülerinnen und Schüler gefragt werden: «Wie heisst das in deiner Sprache?» In Bezug auf die obigen Beispiele kann «Othering» beispielsweise erfolgen, wenn ein Kind aufgefordert wird, Wochentag und Datum oder ein Lieblingswort in der jeweiligen Erstsprache zu nennen. Dadurch wird dieses Kind als einer bestimmten Sprache zugehörig verortet. Gleichzeitig wird ihm die selbstverständliche Zugehörigkeit zur deutschsprechenden Klassengemeinschaft abgesprochen.
 

Lehrpersonen können «Othering» vermeiden, indem sie den Schülerinnen und Schülern überlassen, in welcher Sprache sie sich einbringen möchten. Dies erreichen sie, indem sie offene Fragen stellen und offene Aufträge erteilen: «Wie könnte dieses Wort in einer anderen Sprache als Deutsch heissen?» oder «Überlege dir, welches dein Lieblingswort ist. Du kannst ein Wort aus irgendeiner Sprache wählen. Vielleicht ist es ein Wort, das bei dir zu Hause wichtig ist. Vielleicht ist es ein Wort aus den Ferien oder aus der Freizeit.» Viele Kinder werden ihre Erstsprachen begeistert einbringen. Andere Kinder werden sich zurückhalten und Deutsch oder eine dritte Sprache wählen.
 

Auch die Art und Weise, wie Lehrpersonen den Einbezug mehrerer Sprachen gestalten und kommunizieren, kann beeinflussen, ob die Kinder Mehrsprachigkeit als selbstverständlich und normal betrachten oder eher als etwas «Exotisches».  Lehrpersonen kündigen mehrsprachige Unterrichtssequenzen nicht als etwas Aussergewöhnliches an, sondern beziehen die verschiedenen Sprachen einfach ein. Falls sie die Sprachenvielfalt thematisieren wollen, verweisen sie auf die mehrsprachige Gesellschaft anstatt auf einzelne Kinder in der Klasse.

  1. (1) vgl. z.B. Mantel et al., 2019, S. 54ff.; Riegel, 2016, S. 8.

Materialien und Links

Für mehrsprachige Kinderbücher:

Verwendete Literatur

Büchel, E. (2022). Schreibpläne – Wie Textschreiben gelernt werden kann – Lernobjekt PHZH. https://openilias.phzh.ch


Mantel, C., Aepli, M., Büzberger, M., Dober, H., Hubli, J., Krummenacher, J., Müller, A. & Puškarić, J. (2019).
Auf den zweiten Blick. Eine Sammlung von Fällen aus dem Schulalltag zum Umgang mit migrationsbezogener Vielfalt. Bern: hep.
 

Riegel, C. (2016). Bildung - Intersektionalität - Othering. Pädagogisches Handeln in widersprüchlichen Verhältnissen. Bielefeld: transcript Verlag.

Kontakt

Dominique Braun
Dozentin, PH Zug
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