Als Einstieg in eine Geschichte betrachtet die Klasse das Cover eines Bilderbuchs. Die Begriffe, Sätze und möglichen Titel sammeln sie in verschiedenen Sprachen. Ein solch mehrsprachiges Brainstorming eignet sich auch als Einstieg in ein NMG-Thema, als Repetition während eines NMG-Themas oder bei Bildbetrachtungen im Kunstunterricht.  

Mitarbeit Entwicklung: Helena Silva Novais, Sarah Thalmann
Text:
Dominique Braun
 

Die Entwicklung dieser Umsetzung wurde vom Bundesamt für Kultur (EDI) unterstützt:

edi_bak_d_cmyk_pos_hoch.png

bild_uebersicht.jpg

Lehrplanbereich

Diese Umsetzung wurde im HSK-Unterricht und im Regelklassenunterricht entwickelt. Die angegebenen Kompetenzen beziehen sich sowohl auf den Rahmenlehrplan für Heimatliche Sprache und Kultur (HSK) (1) als auch auf den Lehrplan 21 (2):


Im HSK-Unterricht bewegt sich die Umsetzung im Kompetenzbereich «Literatur im Fokus». An folgenden Kompetenzen kann eine Lehrperson mit ihrer Klasse arbeiten:   

  • Die Schülerinnen und Schüler kennen altersgerechte literarische Texte (Kinderreime, Liedertexte, Prosa, Gedichte, mündliche Erzählungen etc.) aus ihrer Herkunftskultur.

  • Die Schülerinnen und Schüler können Vergleiche zwischen thematisch verwandten Texten aus verschiedenen Sprachen und Kulturen anstellen.(3)


Im Regelklassenunterricht bewegt sich die Umsetzung im Kompetenzbereich «Stoffe, Energie und Bewegungen beschreiben, untersuchen und nutzen» sowie «Menschen nutzen Räume – sich orientieren und mitgestalten». An folgenden Kompetenzen kann eine Lehrperson mit ihrer Klasse arbeiten:     

  • NMG.3.3.e: Die Schülerinnen und Schüler können Informationen zu Stoffen erschliessen (z.B. durch eigene Untersuchungen, mithilfe von Medien) und können die Ergebnisse dokumentieren (z.B. Steckbriefe zu Stoffen: Farbe, Glanz, Härte, Verformungen, Grösse, Leitfähigkeit, Temperatur, Aggregatzustand).

  • NMG.8.1.a: Die Schülerinnen und Schüler können erkennen und beschreiben, was sie in der Wohn- und Schulumgebung vorfinden und was ihnen in Räumen bekannt und vertraut ist (z.B. bestimmte Häuser, Einkaufsorte, Verkehrsanlagen, für sie wichtige Orte).

  • NMG.8.1.b: Die Schülerinnen und Schüler können Räume in der vertrauten Umgebung erkunden, Objekte in der Natur und in der gebauten Umwelt benennen, verorten (z.B. Wälder, Gewässer, Felsgebiete, unterschiedliche und typische Bauten und Anlagen in Siedlungen und Naturräumen) und Unterschiede in der Gestaltung von Räumen beschreiben.(4)

Umsetzung

Hauptteil – HSK-Unterricht

Im HSK-Unterricht Portugiesisch betrachtet eine Klasse als Einstieg ins Märchen Rapunzel das Cover des Bilderbuchs. Die Schülerinnen und Schüler beschreiben, was sie auf dem Buchumschlag sehen. Die Beschreibungen formulieren sie in Portugiesisch, in Deutsch oder in weiteren Sprachen. Auch überlegen die Schülerinnen und Schüler, wie der Titel der Geschichte in verschiedenen Sprachen heissen könnte. Da die meisten die Geschichte bereits kennen, kommen sie schnell auf den Titel «Rapunzel». Die Lehrperson nutzt den Titel für Sprachvergleiche. Die Kinder stellen fest, dass es sich zwar um den gleichen Begriff handelt, dass sie diesen in verschiedenen Sprachen aber unterschiedlich betonen. 
 

Nach diesem Einstieg setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit der eigentlichen Geschichte auseinander (vgl. dazu «Ein Märchen mehrsprachig nacherzählen»).

Hauptteil – Regelklassenunterricht

Im Regelklassenunterricht einer 3. Klasse sammelt die Lehrperson zum Einstieg ins Thema «Mein Raum – dein Raum – unser Raum» (5) Begriffe zu verschiedenen Räumen. Sie fordert die Schülerinnen und Schüler explizit dazu auf, weitere Sprachen als Deutsch einzubeziehen. Die Schülerinnen und Schüler nennen z.B. Haus, Kino oder Gelateria.
 

Da dies im vorliegenden Beispiel nicht sofort gelingt, unterstützt die Lehrperson mit Fragen: «Weiss jemand noch ein Wort für Haus in einer anderen Sprache als Deutsch?», «Fällt jemandem noch ein Ort aus den Ferien oder von zuhause in einer anderen Sprache als Deutsch ein?»

Mehrsprachiges Brainstorming zum Thema «Mein Raum – dein Raum – unser Raum». Aufnahme Sarah Thalmann
Mehrsprachiges Brainstorming zum Thema «Mein Raum – dein Raum – unser Raum». Aufnahme Sarah Thalmann

Im Anschluss markieren die Schülerinnen und Schüler gleichbedeutende Begriffe mit gleicher Farbe.

Weiterführung – Regelklassenunterricht

Die Lehrperson übersetzt die gesammelten Begriffe in die verschiedenen Klassensprachen. In der nächsten Lektion stellt sie sie den Schülerinnen und Schülern zur Verfügung. Gemeinsam ordnen sie sie nach der jeweiligen Bedeutung. Die Erfahrung zeigt, dass viele Schülerinnen und Schüler bei dieser Aufgabe sehr aktiv dabei sind, z.B.: «Das kenne ich, das ist Spanisch, meine Mutter sagt immer supermercado!»   Es geht bei dieser Weiterführung v.a. darum, zentrale Begriffe eines Themas auch in den Erstsprachen anzubieten. Handelt es sich dabei um Fachbegriffe, haben mehrsprachige Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, ihre Sprachkompetenzen in der Erstsprache auszubauen (6).

Ordnen von Raum-Begriffen nach Bedeutung. Aufnahme Sarah Thalmann
Ordnen von Raum-Begriffen nach Bedeutung. Aufnahme Sarah Thalmann
begriffe_ordnen_2.jpg

Zu einem späteren Zeitpunkt führt die Lehrperson ein Brainstorming zum Thema Wasser durch, nicht zu Beginn, sondern mitten im Thema.

Mehrsprachiges Brainstorming zu Begriffen zum Thema Wasser. Aufnahme Sarah Thalmann
Mehrsprachiges Brainstorming zu Begriffen zum Thema Wasser. Aufnahme Sarah Thalmann

Die Lehrperson möchte, das mehrsprachige Kinder ausgewählte Fachbegriffe auch in ihrer jeweiligen Erstsprache kennenlernen. Denn dies kann mehrsprachige Schülerinnen und Schüler sowohl im sprachlichen als auch im thematischen Lernen unterstützten. (7) Dafür wählt die Lehrperson zentrale Fachbegriffe aus: flüssig, fest, gasförmig, Aggregatszustand. Dann fordert sie die Schülerinnen und Schüler auf, diese Begriffe in möglichst vielen verschiedenen Sprachen zu nennen. Dies ist nicht für alle gleichermassen möglich (vgl. Übersetzungen und Sprachwechsel weiter unten), weshalb die Lehrperson Unterstützung bietet.

«Einige Schülerinnen und Schüler trauten sich zu Beginn nicht. Ich habe dann die Begriffe selbst übersetzt, ausgedruckt und in den Kreis gelegt. Viele Kinder erkannten dann eine ihnen bekannte Sprache und übersetzten den jeweiligen Begriff ins Deutsche.» (Sarah Thalmann, Klassenlehrperson Steinhausen)

Anschliessend klatscht und spricht die ganze Klasse die verschiedenen Begriffe im Rhythmus. Dies dient auch der Vorbereitung eines mehrsprachigen, rhythmischen Sprechgesangs (Ostinato), den die Schülerinnen und Schüler als nächstes entwickeln und so die Fachbegriffe nochmals festigen können (vgl. mehrsprachiges Ostinato).

Sprachvergleiche

Lehrpersonen können die gesammelten Begriffe in verschiedenen Sprachen für Sprachvergleiche nutzen. Bei obigen Beispielen eignen sich insbesondere folgende Aspekte für einen Vergleich:  

  • Titel des Märchens: Klang und Intonation

  • Schlüsselbegriffe Märchen, NMG-Themen: Wortbilder, Silben, Anlaute, Endlaute, Länge

Insbesondere der Vergleich von Wortbildern setzt voraus, dass die Begriffe verschriftlicht vorliegen. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass die Schülerinnen und Schüler ad hoc Begriffe in verschiedenen Sprachen notieren können (siehe unten). Die Begriffe von den Schülerinnen und Schülern übersetzen zu lassen, braucht erfahrungsgemäss viel Zeit. Möglich ist, in der Phase des Brainstormings die Begriffe mündlich zu sammeln und evtl. lautgetreu festzuhalten.  Im Anschluss und vor dem Sprachvergleich übersetzen die Lehrpersonen die Begriffe mit Hilfe von mehrsprachigen Kolleginnen und Kollegen im Team, HSK-Lehrpersonen, Eltern und Übersetzungs-Tools.

für weitere Themen

Ein Brainstorming anhand von Bildern eignet sich bei vielen Themen als Einstieg: 

  • Deutsch- oder Erstsprachenunterricht: Titelseiten von (Bilder)Büchern

  • NMG-Unterricht: Einstieg in ein Thema, z.B. zu Wald, Jahreszeiten, Tiere etc.

  • BG-Unterricht: Bildbetrachtungen

  • Fremdsprachen-Unterricht: Einstieg in ein Thema, z.B. Kleider, Jahreszeiten, Körperteile.

Methodisch-didaktische Überlegungen


Zugehörigkeit ermöglichen

In mehrsprachigen Unterrichtssequenzen kann es insbesondere in Regelklassen unbewusst zu «Othering» (vgl. dazu Hintergrundinformationen – Was kann ich besonders beachten?) kommen, wenn Lehrpersonen die Kinder direkt nach ihren erstsprachlichen Kenntnissen fragen: «Wie heisst das in deiner Sprache?» Der Begriff «deine» suggeriert unbewusst, dass Deutsch nicht die Sprache des mehrsprachigen Kindes ist. Dadurch fühlt sich ein Kind möglicherweise nicht zugehörig zur deutschsprechenden Gruppe. Zudem exponiert die Frage ein einzelnes Kind, obwohl sich dieses vielleicht nicht in dieser spezifischen Sprache einbringen möchte. Um dies im obigen Beispiel zu vermeiden, stellt die Lehrperson offene Fragen. Zudem lässt sie die Kinder entscheiden, in welchen Sprachen sie sich einbringen möchten, z.B.:
 

  • Was seht ihr auf diesem Bild? Ihr könnt gerne alle Sprachen verwenden, die ihr kennt.


Oder, nachdem in Deutsch Begriffe und Sätze gesammelt wurden:
 

  • Wie können wir «langer Zopf» in anderen Sprachen als Deutsch nennen?

  • Wem fällt noch ein Begriff, der zum Bild passt, in einer weiteren Sprache ein?

Übersetzungen und Sprachwechsel

Auch wenn Kinder eine Erstsprache gut beherrschen, fällt es ihnen im Schulkontext manchmal schwer, diese abzurufen (vgl. dazu Hintergrundinformationen - Sprachwechsel). Übersetzungstools und gemeinsames Erforschen einer Sprache können hier unterstützen, falls die Kinder dies möchten. Idealerweise wiederholen Lehrpersonen die Methode eines mehrsprachigen Brainstormings regelmässig, so dass es für die Schülerinnen und Schüler mit der Zeit selbstverständlich wird.
 

In HSK-Klassen sind alle Kinder mehrsprachig. Sie machen dadurch vermutlich ähnliche Erfahrungen beim Hin- und Herswitchen zwischen den Sprachen: Manchmal fällt es ihnen leicht, manchmal schwer. In Regelklassen ist es für einsprachige Kinder möglicherweise schwierig nachvollziehbar, dass Sprachwechsel nicht immer gelingen, auch wenn jemand eine Sprache gut beherrscht. In diesem Fall sind die Lehrpersonen gefragt, um darauf zu achten, dass mehrsprachige Kinder nicht negativ exponiert werden, wenn das Hin- und Herswitchen zwischen den Sprachen nicht immer gelingt.

  1. (1) vgl. Bildungsdirektion Kanton Zürich, 2023.

    (2) vgl. D-EDK, 2016.

    (3) Bildungsdirektion Kanton Zürich, 2023., S. 14.

    (4) vgl. D-EDK, 2016.
    (5) vgl. Liescher et al., 2021.

    (6) vgl. Bildungsdirektion des Kantons Zürich, 2023, S. 16.

    (7) vgl. Bredthauer et al., 2021, S. 3.

Verwendete Literatur

Bildungsdirektion des Kantons Zürich, Volksschulamt. (2023). Rahmenlehrplan für Heimatliche Sprache und Kultur (HSK). Mit Erläuterungen zu den Rahmenbedingungen des Unterrichts. 4. Aufl. Verfügbar unter: https://hsk-info.ch/images/Dokumente%20zum%20Download/rahmenlehrplan_hsk_de_neu11.pdf  Zugriff am 07. Juli 2025.
 

Bredthauer, S., Kaleta, M., & Triulzi, M. (2021). Mehrsprachige Unterrichtselemente – Eine Handreichung für Lehrkräfte. Köln: Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache. Verfügbar unter: https://mercator-institut.uni-koeln.de/publikationen-material/material-fuer-die-praxis/mehrsprachige-unterrichtselemente Zugriff am 21. Oktober 2025.
 

D-EDK (Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz). (2016). Lehrplan 21. Verfügbar unter https://www.lehrplan21.ch/ Zugriff am 7. Juli 2025.
 

Liescher, Christine et al. (2021). Weitblick NMG. Menschen machen Räume. 2. Zyklus. Bern: Schulverlag plus AG.

Kontakt

Dominique Braun
Dozentin, PH Zug
Mail schicken

Das könnte Sie auch interessieren

screenshot_2026-03-30_172433.jpg
Nacherzählung Märchen
nmg-thema_mehrsprachig_darstellen.jpg
NMG-Thema mehrsprachig darstellen
sprachvergleiche_selbstverstaendlich_integriert.jpg
Sprachvergleiche selbstverständlich integriert
mehrsprachige_lernumgebung.jpg
Mehrsprachige Lernumgebung