Die Schülerinnen und Schüler präsentieren Gedichte in unterschiedlichen Sprachen und erhöhen dadurch ihre Auftrittskompetenz. Was sie dabei lernen, können sie auf alle Präsentationen in unterschiedlichen Sprachen anwenden. Mehrsprachigkeit eignet sich im Zusammenhang mit Auftrittskompetenz besonders gut, weil beispielsweise eine deutliche Aussprache in einer Sprache, die nicht alle gut verstehen, noch wichtiger ist als in der Unterrichtssprache.

Mitarbeit Entwicklung: Elvirë Sinani und Helena Novais
Text:
Dominique Braun

 

Die Entwicklung dieser Umsetzung wurde vom Bundesamt für Kultur (EDI) unterstützt:

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Lehrplanbereich

Diese Umsetzung wurde im Regelklassenunterricht entwickelt. Deshalb beziehen sich die angegebenen Kompetenzen auf den Lehrplan 21. (1)


Fachliche Kompetenzen
Die Umsetzung bewegt sich in den Kompetenzbereichen «Sprechen – Grundfertigkeiten» und «Monologisches Sprechen». An folgenden Kompetenzen kann eine Lehrperson mit ihrer Klasse arbeiten:
 

D.3.A.1.d: Die Schülerinnen und Schüler können das Zusammenspiel von Verbalem, Paraverbalem und Nonverbalem gestalten.
 

D.3.B.1.c: Die Schülerinnen und Schüler können kurze Gedichte vortragen (z.B. Abzählverse, Reime, Sprüche).
 

D.3.B.1.f: Die Schülerinnen und Schüler können Gedichte und Kurztexte vor einem Publikum wirkungsvoll vortragen.
 

Überfachliche Kompetenzen 

In Bezug auf die überfachlichen Kompetenzen können Lehrpersonen zu den personalen Kompetenzen im Bereich «Selbstreflexion: Eigene Ressourcen kennen und nutzen» und zu den methodischen Kompetenzen im Bereich «Sprachfähigkeit: Ein breites Repertoire sprachlicher Ausdrucksformen entwickeln» arbeiten.

Umsetzung

Vorbereitende Aktivitäten:

Im zweiten Teil dieser Unterrichtseinheit üben die Schülerinnen und Schüler anhand verschiedener Aufträge, Gedichte zu präsentieren. Diese Aufträge muss eine Lehrperson sorgfältig einführen. Idealerweise kennen die Schülerinnen und Schüler die Aufträge bereits aus einer nicht-mehrsprachigen Unterrichtssequenz. Dadurch können sie sich besser auf die verschiedenen Sprachen konzentrieren.


Dasselbe gilt für die Kriterien der Rückmeldung (siehe unten). Auch diese muss eine Lehrperson sorgfältig einführen.

Hauptteil – Ein Gedicht durch verschiedene Sprachen verändern

Im Schulzimmer hängt ein Gedicht zu den verschiedenen Jahreszeiten:

Die Klassenlehrperson trägt das Gedicht in Deutsch vor. Anschliessend lesen es alle gemeinsam. Die Schülerinnen und Schüler dürfen das Gedicht auch einzeln vortragen.


Im Anschluss verändert die anwesende HSK-Lehrperson das Gedicht Schritt für Schritt:  Mutter, vier Kinder, Frühling, Sommer, Herbst, Winter, Blumen, Klee, Trauben, Schnee. Alle diese Begriffe nennt sie in einer anderen Sprache als Deutsch – hier Portugiesisch – und ersetzt die deutschen Wörter mit den portugiesischen Begriffen.
 

Dann übt die HSK-Lehrperson gemeinsam mit der Klasse, das veränderte Gedicht zu lesen.

Marriage, E. (Hrsg.) (1902). Volkslieder aus der badischen Pfalz, Halle.
Marriage, E. (Hrsg.) (1902). Volkslieder aus der badischen Pfalz, Halle.
Gedicht mit ersetzten Schlüsselwörtern. Aufnahme Elvirë Sinani
Gedicht mit ersetzten Schlüsselwörtern. Aufnahme Elvirë Sinani

Die Schülerinnen und Schüler haben nun den Auftrag, das Gedicht mit weiteren Sprachen zu verändern. Sie wählen eine Sprache, die sie interessiert, die sie ein bisschen kennen oder die sie bereits sprechen. So entstehen mehrere Sprachgruppen. Als Unterstützung erhalten die Schülerinnen und Schüler das vollständige deutsche Gedicht und das Gedicht in Form eines Scaffolds (vgl. Materialien und Links). Darin fehlen die Schlüsselwörter, die die Schülerinnen und Schüler nun in der gewählten Sprache einfügen:

Scaffold, um Gedicht zu verändern. Entwicklung Elvirë Sinani
Scaffold, um Gedicht zu verändern. Entwicklung Elvirë Sinani

Dafür gibt es zwei Möglichkeiten:

  • Die Lehrpersonen stellen die Begriffe in vielen verschiedenen Sprachen zur Verfügung. Die Schülerinnen und Schüler setzen die Begriffe an der richtigen Stelle ein.

  • Die Schülerinnen und Schüler kennen die fehlenden Begriffe oder übersetzen sie mit Hilfe eines Übersetzungs-Tools. Diese zweite Variante nimmt viel Zeit in Anspruch.

Hauptteil – Gedichte in verschiedenen Sprachen präsentieren

Die Schülerinnen und Schüler wählen wiederum eine Sprache, die sie interessiert, die sie ein bisschen kennen oder die sie bereits sprechen. Als Gruppe erhalten sie von den Lehrpersonen ein neues Gedicht in der entsprechenden Sprache (vgl. Materialien und Links). Über einen QR-Code können sie auf eine Audioaufnahme zugreifen. Zudem liegen der Originaltext, eine lautgetreue Version und eine Übersetzung auf Deutsch vor. Die Schülerinnen und Schüler hören sich die Aufnahme mehrmals an und versuchen mitzulesen. Falls sie die Sprache mündlich und schriftlich beherrschen, lesen sie die Originalversion. Falls sie die Sprache ausschliesslich mündlich oder gar nicht beherrschen, lesen sie die lautgetreue Version.

Zwei Kinder lesen ein türkisches Gedicht. Aufnahme Dominique Braun
Zwei Kinder lesen ein türkisches Gedicht. Aufnahme Dominique Braun
Ein Kind liest mit Fadenspule im Mund vor, das andere Kind versucht, zu wiederholen. Aufnahme Dominique Braun
Ein Kind liest mit Fadenspule im Mund vor, das andere Kind versucht, zu wiederholen. Aufnahme Dominique Braun

Anhand verschiedener Aufträge üben die Schülerinnen und Schüler dann, das Gedicht vorzutragen:    

  • Gegenstands-Vers: Zeitgleich das Gedicht vorlesen und einen Alltagsgegenstand, z.B. Kamm, korrekt verwenden

  • Korkzapfen-Lesen: Mit Korkzapfen oder Fadenspule im Mund Zeile für Zeile vorlesen, so dass die anderen den Text wiederholen können

  • Gefühlschaos: Eine Gefühlskarte ziehen und das Gedicht entsprechend vorlesen. Die anderen Kinder müssen das Gefühl erraten.

  • Stop and go: Fortbewegungsart mit einem Würfel bestimmen. Das Gedicht vorlesen und gleichzeitig die gewürfelte Fortbewegung ausführen.

Schluss – Präsentieren anhand von Kriterien

Schliesslich präsentieren die Gruppen die eingeübten Gedichte vor der Klasse. Sie erhalten jeweils eine Rückmeldung zu Intonation, Deutlichkeit und Rhythmus. Die Lehrpersonen besprechen die Kriterien mit den Schülerinnen und Schülern bereits vor der Übungsphase. Bereits währende der Übungsphase und insbesondere während der Präsentation geben sowohl Lehrpersonen als auch Schülerinnen und Schüler ausschliesslich Rückmeldungen zu diesen drei Kriterien.

Kriterien für die Präsentation der Gedichte. Aufnahme Elvirë Sinani
Kriterien für die Präsentation der Gedichte. Aufnahme Elvirë Sinani
Für HSK-Unterricht

Im HSK-Unterricht bieten Gedichte die Möglichkeit, dass sich Schülerinnen und Schüler mit Texten der jeweiligen Erstsprache befassen.(2) Interessant wäre, wenn Lehrpersonen Gedichte aus unterschiedlichen Weltregionen wählen würden und nicht ausschliesslich aus einem bestimmten Land. In HSK für Portugiesisch würden dann z.B. Gedichte aus Portugal, Brasilien, Angola, Mosambik, Kap Verde oder Osttimor besprochen und präsentiert.
 

Die Übungen für die Präsentationen eignen sich für Präsentationen in allen Sprachen. Dasselbe gilt für die Rückmelde-Kriterien. Zudem können die Schülerinnen und Schüler die erarbeiteten Kompetenzen (z.B. deutlich Sprechen, Begriffe passend betonen) sprachübergreifend verwenden.

Varianten

Steht die Arbeit an der Auftrittskompetenz im Vordergrund, bieten kürzere Texte eine gute Alternative: Witze, Redensarten, Abzählreime, Sprichwörter. Diese kürzeren Texte lassen sich einfacher übersetzen und lautgetreu darstellen. Zudem können sie die Schülerinnen und Schüler schneller auswendig, weshalb sie sich stärker auf verschiedene Sprachen konzentrieren können.

Für weitere Themen

Mit Gedichten können Lehrpersonen in fast allen Themenfeldern arbeiten. Wollen sie verschiedene Gedichte in der Originalsprache einbeziehen, besteht der Aufwand vor allem darin, Hörbeispiele und lautgetreue Versionen zu finden oder zu erarbeiten. Einfacher ist in diesem Fall, von einem Gedicht in einer Sprache auszugehen und einzelne Begriffe zu ersetzen (vgl. Teil 1 des beschriebenen Beispiels).

Methodisch-didaktische Überlegungen


Bekannte Texte verwenden

Es ist für die Schülerinnen und Schüler einfacher, sich auf die Übungen zur Auftrittskompetenzen zu konzentrieren, wenn ihnen die Texte bekannt sind und sie diese weitgehend auswendig kennen.
 

Zudem ist es einfacher, etwas zu präsentieren, das man inhaltlich versteht. Deshalb bietet es sich an, dass die Lehrpersonen die Gedichte auch inhaltlich mit den Schülerinnen und Schülern besprechen. Falls die Kinder viele verschiedene Gedichte wählen, ist dies zeitlich eine Herausforderung. Lehrpersonen müssen hier abwägen, ob es ihnen wichtiger ist, dass die Kinder zwischen möglichst vielen verschiedenen Gedichten wählen können oder ob sie gewisse Einschränkungen vornehmen, damit sie auch den Inhalt besprechen können.

Herkunft differenziert thematisieren

Stehen den Schülerinnen und Schülern Gedichte aus unterschiedlichen Sprachregionen zur Verfügung, thematisieren die Lehrpersonen auch die unterschiedliche Herkunft (3). Wichtig ist, dass sie dabei Stereotypisierungen vermeiden. Das bedeutet, dass sie auf ähnliche Inhalte (z.B. Liebe) zwischen den Gedichten verweisen. Bei vorhandenen Unterschieden achten sie auf eine differenzierte Betrachtungsweise. Wenn beispielsweise in einem Gedicht aus Tansania ein Löwe vorkommt, ist dies auf bestimmte klimatische Bedingungen zurückzuführen. Es bedeutet nicht, dass auf dem afrikanischen Kontinent überall und ausschliesslich Löwen leben.

Lehrpersonen als Modell

Dass Klassenlehrpersonen mit HSK-Lehrpersonen zusammenarbeiten können, ist leider nach wie vor selten. Um trotzdem modellhaft vorzuzeigen, wie man ein deutschsprachiges Gedicht mit einer zusätzlichen Sprache erweitern kann, greifen Lehrpersonen auf ihre eigenen Sprachkompetenzen zurück oder arbeiten mit mehrsprachigen Lehrpersonen aus dem pädagogischen Team zusammen.
 

Im beschriebenen Beispiel nutzen die Lehrpersonen den gemeinsamen Unterricht auch, um Buchstaben zu vergleichen und dadurch über Sprache nachzudenken. Die Klassenlehrperson macht auf Buchstaben aufmerksam, die im Deutschen nicht existieren. Sie fragt die HSK-Lehrperson wie sie diese aussprechen müsse. Die HSK-Lehrperson spricht die Buchstaben langsam und deutlich aus, die Klassenlehrperson spricht nach und wird gegebenenfalls korrigiert.
 

Schliesslich verweist die Klassenlehrperson auf die sprachliche Expertise der HSK-Lehrperson: Sie sagt, dass sie Glück habe, weil die HSK-Lehrperson sie bei der Aussprache unterstützen könne. Ein Junge meint darauf, dass er dies in Türkisch machen könne. Mit ihrer Aussage formuliert die Klassenlehrperson eine Einladung an die mehrsprachigen Kinder, ihre Expertise einzubringen, ohne sie explizit darum zu bitten. Sie lässt sie dadurch freiwillig entscheiden und verhindert, sie in eine Expertinnen- oder Expertenrolle zu drängen (vgl. dazu Hintergrundinformationen – Was kann ich besonders beachten?).

Einbezug möglichst vieler Sprachen

Mit dem Einbezug verschiedener Sprachen ermöglichen Lehrpersonen, dass sich mehrsprachige Kinder in all ihren Facetten als zugehörig erleben können. Damit das Gefühl der Zugehörigkeit tatsächlich entstehen kann, achten Lehrpersonen darauf, dass sie Gedichte in allen Sprachen einer Klasse anbieten. Sie müssen sich dabei nicht auf diese Sprachen beschränken. Im beschriebenen Beispiel haben sich einzelne Kinder auch für Japanisch und Rätoromanisch interessiert, zwei Sprachen, die niemand in der Klasse spricht (vgl. dazu Hintergrundinformationen – Was kann ich besonders beachten?).

Übersetzungen

Lassen Lehrpersonen die Schülerinnen und Schüler bestimmte Begriffe übersetzen, stellen sie idealerweise – wie oben beschrieben – Übersetzungstools zur Verfügung. Denn auch wenn Schülerinnen und Schüler eine bestimmte Sprache beherrschen, ist es für sie möglicherweise schwierig, ad hoc zu übersetzen (vgl. dazu Hintergrundinformationen – Was kann ich besonders beachten?).
 

Übersetzen Schülerinnen und Schüler selbständig Begriffe, setzen sie sich intensiv mit Sprache auseinander. Dies ist z.B. dann sinnvoll, wenn sie Sprachen erforschen. Gleichzeitig benötigen sie viel Zeit dafür. Dies ist bei der Planung zu berücksichtigen, damit genügend Zeit bleibt, um die Gedichte zu üben und zu präsentieren. Wann es sinnvoll ist, dass Schülerinnen und Schüler selbständig übersetzen, müssen Lehrpersonen fallweise entscheiden.

Grammatikalische Korrektheit

Werden bei mehrsprachigen Sprechanlässen nur einzelne Begriffe ersetzt, stimmt der Text grammatikalisch manchmal nicht mehr oder nur für eine der beiden Sprachen. Z.B. können sich die Artikel in den verschiedenen Sprachen unterscheiden (die Sonne / le soleil). Oder «der pranvera» (Frühling) in Albanisch ist falsch, weil es in dieser Sprache keine Artikel gibt. Kennen sich Lehrpersonen in einer Sprache aus, können sie die Schülerinnen und Schüler darauf hinweisen – eine gute Gelegenheit, um über Sprachen zu sprechen. Möglicherweise intervenieren mehrsprachige Schülerinnen und Schüler von sich aus, wenn sie solche Ungereimtheiten feststellen. Das Ziel von mehrsprachigen Sprechanlässen ist hauptsächlich, dass die Schülerinnen und Schüler sich mit verschiedenen Sprachen auseinandersetzen und dass mehrsprachige Lernende ihre Mehrsprachigkeit als Ressource erkennen. Die grammatikalische Korrektheit steht an zweiter Stelle.

  1. (1) vgl. D-EDK, 2016

    (2) vgl. Bildungsdirektion des Kantons Zürich, 2023, S. 14.
    (3) vgl. D-EDK, 2016, Kompetenz D.6.B.1.a

Materialien und Links

Kinderverse in verschiedenen Sprachen inkl. Aussprachehilfen und deutscher Übersetzung finden Sie hier: Hüsler, S. (2017). Kinderverse in über 50 Sprachen. 3. Auflage. Freiburg im Breisgau: Lambertus. https://silviahuesler.ch/kinderbuecher/verse_lieder/kinderverse-ueber-50-sprachen/

Verwendete Literatur

Bildungsdirektion des Kantons Zürich, Volksschulamt. (2023). Rahmenlehrplan für Heimatliche Sprache und Kultur (HSK). Mit Erläuterungen zu den Rahmenbedingungen des Unterrichts. Verfügbar unter: https://hsk-info.ch/images/Dokumente%20zum%20Download/rahmenlehrplan_hsk_de_neu11.pdf  Zugriff am
7. Juli 2025.

D-EDK (Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz). (2016).
Lehrplan 21. Verfügbar unter https://www.lehrplan21.ch/ Zugriff am 7. Juli 2025.

Kontakt

Dominique Braun
Dozentin, PH Zug
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